Wenn Menschen Geschichte erleben – und sie dennoch nicht erfahren
Wie ist es möglich, dass Menschen von Revolutionen, Kriegen, Krisen und politischen Katastrophen erschüttert werden, ohne daraus eine geschichtliche Erfahrung zu gewinnen? Das Erlebte verändert ihr Leben – und bleibt doch eigentümlich äußerlich. Es wird zum Geschehen, nicht zur Erkenntnis; zur Erinnerung ohne Zusammenhang, zur Erfahrung ohne Begriff.
Bereits Robert Musil beschrieb dieses paradoxe Verhältnis: Menschen können Weltgeschichte machen und zugleich den Eindruck haben, »eigentlich nichts erlebt« zu haben. Walter Benjamin radikalisierte die Diagnose wenig später in seiner Rede von der »Erfahrungsarmut« der Moderne. Die Katastrophen der Geschichte führen demnach nicht notwendig zu größerer Einsicht. Sie können ebenso Sprachlosigkeit, Abstumpfung und den Verlust der Fähigkeit hervorbringen, Erlebtes mitzuteilen und geschichtlich zu begreifen.
Doch worin liegen die gesellschaftlichen Ursachen dieser Erfahrungsarmut? Warum verwandeln sich Leiden, Krisen und Gewalt so selten in ein Bewusstsein ihrer Bedingungen? Und welche Rolle spielt dabei die kapitalistische Form gesellschaftlicher Vergesellschaftung?
Der Essay verfolgt diese Fragen von Marx und Engels über Lukács, Horkheimer, Adorno und Hans Kilian bis zu Musil und Benjamin. Er zeigt Erfahrungsarmut nicht als individuelles Defizit, sondern als gesellschaftlich hervorgebrachte Form des Verhältnisses zur Wirklichkeit. Wo geschichtliche Zusammenhänge unsichtbar werden, verliert die Vergangenheit ihren Anspruch auf Erinnerung, die Gegenwart ihren Zusammenhang – und die Zukunft ihre Möglichkeit. Gerade darin könnte eine der subtilsten Formen gesellschaftlicher Herrschaft liegen.
Heinz Gess
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