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Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft

Das verletzte religiöse Gefühl und die Religion als Herrschaftsform. - Gedanken zum Streit um die Mohammedkarikaturen

Kategorie: Kritische Theorie
07. Februar 2006
Heinz Gess
7871 Zugriffe
 

Heute (18.02.06) las ich in der Tageszeitung, Günther Grass sei zu der bemerkenswerten Erkenntnis gekommen, dass die Mohammed-Karikaturen in der konservativen Tageszeitung Jyllands-Posten ihn "an die berühmte Zeitung der Nazi-Zeit, den Stürmer", erinnern. Dort, meint er, "wurden antisemitische Karikaturen desselben Stils veröffentlicht"

 

Nun sind aber die Karikaturen im Jyland-Posten alles andere als antisemitisch, wie ich in meinem Artikel zeige. Sie denunzieren vielmehr eine schlechte, marode Herrschaftsform, die in islamischen Ländern verbreitet ist und sich religiös legitimiert. Diese marode Herrschaft, deren Führer einst mit Nazis paktierten, - nicht die dänische Zeitung - produziert in den von ihr kontrollierten arabischen Medien Tag für Tag antisemitische Hetzkarikaturen, wie sie im Stürmer üblich waren (s.mein Artikel), ohne dass Grass in schlechter deutscher Tradition je ein Wort darüber verloren hätte. Die dänische Tageszeitung dagegen denunziert mit ihren Karikaturen diese üble Herrschaftspraxis und ihre willigen religiösen Helfer. Aber das mag der deutsche Verstand einfach nicht begreifen. Er und sein Fürsprecher Grass können nicht davon lassen, die Juden, heute insbesondere den Judenstaat, für das Übel der Welt zu erklären und jene, die sie und ihn mit Stürmerkarikaturen, Kamikazekriegsführung und demnächst mit dem nuklearen Holocaust bedrohen, vor jeder und gegen jede Erfahrung für Gutmenschen zu halten. Weil Grass sich selbst für "moralisch gut" und die Deutschen, die 1945 in der Dresdner Bombennacht und auf der Wilhelm Gustloff umkamen, für unschuldige Opfer des alliierten Terrors hält, müsssen die Anderen böse Täter gewesen sein. Weil das Böseste für die postfaschistischen deutschen Ideologen von heute die Nazis sind, von denen sie sich um ihrer Akzeptabilität willen auf's Entschiedenste distanzieren müssen, die Deutschen aber gut, müssen nach der verqueren deutschen Psycho-Logik die Amerikaner die "eigentlichen Nazis" (gewesen) sein und die Deutschen als deren unschuldige Opfer die "eigentlichen Juden". Und die Juden, die von Deutschen ermordet wurden, oder die wenigen, die entronnen waren und mit der amerikanischen Armee als Sieger nach Deutschland zurückkamen oder aber in das Land zurückgekehrt waren, aus dem ihre Vorväter einst unter schrecklichen Umständen vertrieben worden waren, und die sich dort ihrer Haut zu wehren wussten? Nun, sie müssen nach dieser deutschen Psycho-Logilk ebenfalls "eigentliche Nazis" sein. Auf diese Weise werden dann zwangsläufig auch der Mufti von Jerusalem, der mit den Nazis zusammenarbeitete und sich mit großem Engagement an deren Vernichtung beteiligte, seine ideologischen Erben, die den Judenmord zum Programm erhoben haben, und politischen Regime, die dieses Programm fördern, zu "eigentlichen Juden " und die konservative dänische Tageszeitung, die die schlechte Herrschaft dieser "Eliten" denunziert, umgekehrt zum "Nazi-Stürmer." Das ist deutsche Psycho-Logik.

Selbstverständlich und ganz konsequent wird am Ende der Assoziationskette - und Ideologen dieser Fasson sind immer "ganz konsequent", sie sagen A nur, damit sie das gewünschte B als unausweichliche Konsequenz ausgeben können - der Staat der Juden zum eigentlichen Bösewicht, sprich "Nazi.Staat" von heute. Das kann nicht anders sein, weil aus Sicht der "guten Deutschen", deren "kollektivem Unbewußten" Grass die passenden Worte gibt, sie selbst und ihre "Mitstreiter", die ideologischen Erben des Mufti, die " unschuldigen Opfer" der Bomben der Alliierten und der israelischen Juden sind und also die "eigentlichen Juden". Am Ende sind die wirklichen Stürmer-Karikaturen in der arabischen Welt, die die Mentalität des Vernichtungsantisemitismus propagieren, Karikaturen, die der Bewahrung des Weltfriedens dienen. (So dachte im übrigen schon Hitler von seinem antimemitischen Kampf) Denn wer kann schon dagegen sein, dass man "Nazis" (=israelische Juden) auch mit solchen Karikaturen, wie ich sie in meinem Artikel zu Ihrer Information wiedergebe, bekämpft? Mindestens aber sind solche arabischen Karikaturen als Bestandteil der "kulturellen Identität der islamischen Länder" zu achten, die dänischen Karikaturen aber als angebliche Kulturlosigkeit zu verwerfen.
Es ist wirklich alles verkehrt in der Deutschen Welt des Günter Grass. Eines aber bleibt bei aller Verkehrtheit stets konstant: die Identifikation mit Deutschland und seinem "guten" deutschen Geist. "Du bist Deutschland" ist bei ihm wahr geworden, noch bevor es die entsprechende Medienkampagne gab. Es ist gerade dieser kollektive Narzissmus und die immer noch nicht verwundene Kränkung dieses Narzsissmus durch den Sieg der Alliierten, die ihm zum Sprachrohr des ressentimentgeladenen "kollektiven Unbewußten" der Deutschen macht, als das er von ihnen geliebt wird. Weil der Sieg der Alliierten die Befreiung der Juden bedeutete und die wenigen, die Nazi-Deutschland entrinnen konnten, auf Seiten der Sieger kämpften, zählen sie im "kollektiven Unbewußten" der Deutschen wieder einmal, wie eh und je, zu den Schuldigen, denen die Kränkung heimzuzahlen ist. Man gönnt den israelischen Juden darum insgeheim auch nicht, dass sie denen, die den Staat Israel vernichten wollen, standhalten und Sieger bleiben.
Ideologie ist, so Marx, verkehrtes Bewusstsein, das gerade in seiner Verkehrtheit falsche Verhältnisse affirmiert. Die deutsche Ideologie und der "deutsche Sozialismus" ist eine der  reaktionärsten, ideologischen Formationen überhaupt. Sie verhökert das Beste, den Menschen und das Menschenrecht für's Schlechteste. In ihr wird das Menschenrecht als völkisches Recht oder "Völkerrecht" zu jener Ideologie, die Entmenschlichung als Erlösung propagiert oder aber der entmenschlichenden Herrschaft zu Kreuze kriecht.
Wie sehr Grass Unrecht hat, wie verdreht und verkehrt seine deutsche Welt ist, auch das möchte ich mit dem Artilkel "Das verletzte religiöse Gefühl. Die Religion als Herrschaftsform" zeigen .....
Link zum Artikel (PDF): "Das verletzte religiöse Gefühl und die Religion als Herrschaftsform. - Gedanken zum Streit um die Mohammedkarikaturen ". Klicken Sie bitte hier.

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