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Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft

Hurrah, wir fraternisieren

Kategorie: Beiträge anderer Webseiten
05. Januar 2010
Liza
517 Zugriffe
Besondern bemerkenswert ist es, was sich die Süddeutsche Zeitung in den vergangenen Tagen geleistet hat. Zunächst ließ sie Andrian Kreye, einen ihrer beiden Feuilletonchefs, von der Leine. Kreye beschäftigen Fragen wie: „Was zählt mehr? Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit? Oder der Respekt für religiöse Gefühle?“ Weil aber die einen nun mal so sagen („Meinungsfreiheit!“) und die anderen so („Respekt!“), weil also alles irgendwo furchtbar kompliziert ist, auch und gerade für den Feuilletonboss einer führenden deutschen Tageszeitung, lautet dessen Antwort schließlich „weder noch“: „Es geht vielmehr um die Unfähigkeit des Westens, die immer dringendere Auseinandersetzung mit dem islamischen Kulturkreis und seinen Einfluss auf die moslemische Diaspora auf europäischem Boden realistisch einzuschätzen. Im Westen geht die Wertedebatte prinzipiell davon aus, dass der Wertekanon von Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Menschenrechten etwas ist, das der gesamte Rest der Menschheit herbeisehnt.“ Ein Muslim sei „jedoch kein Unterdrückter, der unter einer Diktatur leidet, bis ihn endlich die Flucht oder ein Befreier von seinem Schicksal erlöst“. Denn: „Freiheit und Demokratie sind keineswegs Lebensformen, die in der islamischen Welt als höchste Stufe der menschlichen Entwicklung angesehen werden.“

Das ist das postmoderne anything goes par excellence, das ist der Prototyp des Geschwätzes von den „Narrativen“ und den „Kulturkreisen“, die alle ihre je eigene Wahrheit und Berechtigung haben sollen, das ist lupenreiner Kulturrelativismus, der keine universalistischen Maßstäbe kennt, sondern stattdessen das „emotionale Verhältnis“ der Muslime zur Meinungsfreiheit beschwört und sich verständnisinnig fragt, „was ein Moslem empfindet, wenn ein Ungläubiger“ – ohne Anführungszeichen! – „seinen Glauben beleidigt“, wie es Westergaard getan haben soll. Zwar beeilt sich Kreye zu beteuern, „unsere Grundwerte“ seien „natürlich nicht verhandelbar“, aber nur, um sofort einzuschränken: „Mit Gott allerdings kann man auch nicht debattieren.“ Ganz recht – wer würde es schließlich schon wagen, dem Allmächtigen die Aufklärung entgegenzusetzen und eine Freiheit zum Maßstab zu machen, die zuvörderst die Freiheit von Religion, „Kultur“ und anderen Zumutungen ist und nicht für sie?
Doch das war noch nicht alles, was die Süddeutsche zum versuchten Mord an Kurt Westergaard zu bieten hatte. Einen Tag nach Kreyes Kakophonie hob sie nämlich außerdem eine „Außenansicht von Wolfgang Benz“ ins Blatt, einen Beitrag des Leiters des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung also, auf dessen Agenda zurzeit bekanntlich die unsägliche Gleichsetzung von Antisemitismus und „Islamophobie“ steht. Diese Gleichsetzung führte er nun unter der Überschrift „Hetzer mit Parallelen“ erneut aus (...) Für Benz wie für die Süddeutsche ist nicht die versuchte, bloß knapp gescheiterte Bluttat eines offenbar zu al-Qaida gehörigen Islamisten das Problem; vielmehr warnen die Zeitung und der Zentrumsleiter einmütig vor den Islamkritikern, die sich ganz ähnlicher Methoden bedienten wie weiland die Antisemiten, und davor, einen „Wertekanon von Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Menschenrechten“ gegenüber jenen zu verteidigen, die andere „Lebensformen“ bevorzugen – das heißt, für ihre Gegner nur Todesformen übrig haben. Derlei lässt sich schon nicht mehr als Appeasement qualifizieren, sondern nur noch als Fraternisierung, als faktische Kollaboration mit den Feinden der Freiheit. Hierzulande würfe man einem unmittelbar bedrohten Islamkritiker vermutlich eine linksliberale Tageszeitung in die Wohnung; wie gut, dass die Polizei in Århus andere Maßstäbe verfolgt und deshalb dem Täter – der seine Axt und sein Messer schließlich auf sie richtete, ihr also keine Wahl ließ – nicht mit einer Kerze, sondern mit einer Waffe gegenübertrat.

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