Der Essay von Gerhard Schweppenhäuser setzt bei der gegenwärtigen staatstragenden Erinnerungspolitik um Jürgen Habermas an und entfaltet von dort aus eine grundsätzliche ideengeschichtliche und theoretische Kritik seiner Stellung innerhalb der sogenannten Frankfurter Schule. Ausgangspunkt ist die öffentliche Kampagne, Habermas’ Wohnhaus in Starnberg zu einer Art nationaler Denkstätte umzuwandeln – zu einem „diskursiven Denkraum“ nach dem Modell der Villa Massimo. Dagegen erinnert der Text daran, dass das Verhältnis von Habermas zur Kritischen Theorie Horkheimers und Adornos keineswegs das eines bruchlosen Erbes war, sondern von tiefen theoretischen Konflikten geprägt wurde.
Schweppenhäuser zeichnet nach, wie Habermas sich seit den 1960er- und 1970er-Jahren zunehmend von den materialistischen und dialektischen Grundlagen der älteren Kritischen Theorie entfernte. Während Horkheimer und Adorno die kapitalistische Gesellschaft als widersprüchliche Totalität analysierten und die Dialektik der Aufklärung als Kritik der Selbstzerstörung instrumenteller Vernunft entwickelten, verlegte Habermas den Schwerpunkt auf Kommunikation, Verständigung und Diskursethik. Der Essay argumentiert, dass damit nicht bloß eine „Weiterentwicklung“, sondern ein Paradigmenwechsel verbunden war: weg von der Kritik gesellschaftlicher Herrschaft und der kapitalistischen Verwertungslogik, hin zu einem normativen Projekt der vernünftigen Einhegung und Moralisierung des Kapitalismus.
Im Zentrum steht dabei die These, dass Habermas die Dialektik der Aufklärung systematisch verzerrt dargestellt habe. Seine berühmte Kritik an Horkheimer und Adorno – sie hätten sich einer „hemmungslosen Vernunftskepsis“ überlassen und Kritik in ästhetische Gebärden aufgelöst – wird detailliert rekonstruiert und zurückgewiesen. Schweppenhäuser verteidigt demgegenüber die ältere Kritische Theorie als Versuch, die emanzipatorischen Impulse der Aufklärung gerade durch ihre immanente Selbstkritik zu retten. Die Negativität Adornos erscheint hier nicht als Defätismus, sondern als Beharren auf dem Nichtidentischen gegen gesellschaftlichen Identitätszwang.
Zugleich ist der Text eine Intervention in aktuelle Debatten über die institutionelle und politische Gestalt kritischer Theorie heute. Er verbindet die ideengeschichtliche Analyse mit einer Kritik der akademischen und medialen Kanonisierung von Habermas als „zweiter Generation“ der Frankfurter Schule. Dem stellt Schweppenhäuser die Frage entgegen, ob Kritische Theorie ihren historischen Kern nicht gerade dort verliert, wo sie sich mit staatlicher Vernunft, moralischer Konsensbildung und nationaler Selbstrepräsentation versöhnt. Die Polemik gegen eine mögliche „Villa Habermas“ wird so zur grundsätzlichen Reflexion über die Entschärfung gesellschaftskritischen Denkens in der Gegenwart.
Heinz Gess
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