"Die bürokratische Gesellschaft" dokumentiert fast fünf Jahrzehnte kontinuierlicher theoretischer Beschäftigung mit einem historischen Rätsel, das bis heute nachwirkt: Was war die Sowjetunion – und was ist eine bürokratische Gesellschaft? Aus unmittelbarer politischer Erfahrung und mit unerbittlichem Blick hinter die ideologischen Fassaden rekonstruiert Castoriadis das sowjetische Regime als Prototyp eines bürokratischen Kapitalismus – eines Systems, in dem Herrschaft nicht nur durch Eigentum, sondern durch Organisation, Kontrolle und Management der Gesellschaft ausgeübt wird.
Castoriadis‘ Texte lesen sich wie eine Chronik aus dem Handgemenge. Sie verfolgen die Wandlungen von der stalinistischen Hochphase des UdSSR-Totalitarismus über die Nach-Stalin-Zeit bis zum unerwarteten Zusammenbruch des autoritären bürokratischen Regimes und fragen zugleich nach dem, was davon weiterlebt. Darin liegt die Provokation des Buches: Castoriadis’ „russische Frage“ zielt nicht auf Vergangenheit, sondern auf Gegenwart. Bürokratie ist für ihn keine Randerscheinung des Kapitalismus, sondern eine moderne Machtform, die sich heute in neuen technischen, digitalen und administrativen Gestalten (China) fortsetzt.
Wer verstehen will, warum Emanzipationsbewegungen immer wieder in neue autoritäre Apparate umschlagen und was Autonomie jenseits leerer Parolen heißt, findet bei Castoriadis ein geglücktes, seltenes Zusammenspiel von materialreicher Zeitdiagnose und Werkstattbericht eines Denkens, das der Erfahrung des Neuen Raum gibt und die Gedanken an dieser Erfahrung schärft. Sein Buch entmythologisiert die Geschichte der UdSSR, bringt Selbstverständlichkeiten des hiesigen Common Sense ins Wanken und öffnet den Blick fürs Neue im Alten.
Heinz Gess
s. auch: Hendrik Wallat, Der attische Keim demokratischer Autonomie. Der Sonderweg Europas im Werk von Cornelius Castoriadis in Zeiten des Kulturkampfes
Link: https://www.kritiknetz.de/soziologie/1501
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