Walter Benjamins Begriff der Geschichte zwischen Eingedenken, Fortschrittskritik und der Dialektik von Kultur und Barbarei
Was heißt es, die Toten vor einem Feind zu bewahren, der sich nicht mit ihrem Tod begnügt? Benjamins Satz fragt danach, wie die Ermordeten ein zweites Mal besiegt werden können: indem die Sieger sich ihrer Erinnerung bemächtigen, ihr Leiden entstellen und noch ihr Andenken gegen die Lebenden wenden. Wo Traverso und andere im Namen der Besiegten sprechen, ist nicht wirkliches Eingedenken in Vergessen umgeschlagen. An seine Stelle treten ein simuliertes Eingedenken und eine simulierte Melancholie, die sich an den Toten beglaubigen, während sie den heute lebenden Juden das Recht auf Schutz bestreiten.
Der Aufsatz folgt den Spuren dieses fortdauernden Sieges – vom Fortschrittsglauben und der Kulturindustrie bis zu den gegenwärtigen Verwerfungen Kritischer Theorie.
Am Streit um Israel entscheidet sich, ob die Erinnerung an die Ermordeten, an ihren Schmerz und ihr Leiden, den Lebenden als bleibendes Menetekel dient und ihnen Schutz gewährt oder ob sie abermals gegen die Juden gewendet wird: zur Erhaltung gesellschaftlicher Herrschaft in rabiaterer Gestalt als jener, welche die hinfällige Demokratie noch zügelt und mäßigt. Diese Herrschaft dürstet in der Krise nach Opfern, um sich als Herrschaft erhalten zu können, und überantwortet diejenigen, die sich ihr mit Haut und Haar verschreiben, dem Todeskult – vom „Viva la muerte!“ der spanischen Faschisten bis zum islamistischen Ruf: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“
Wie aber sind den von der neuerlichen gesellschaftlichen Krise Bedrohten die Augen dafür zu öffnen, dass nicht die abermalige Opferung Unschuldiger für die schuldige Herrschaft, ihre Vollstrecker und Mitmacher aus Elend und Ohnmacht herausführt? Der Ausweg läge allein in der gemeinsamen Anstrengung, auf eine von gesellschaftlicher Herrschaft befreite Menschheit hinzuarbeiten, in der autonome gesellschaftliche Individuen sich aus Freiheit praktisch vernünftig ins opferlose Verhältnis setzen, statt an herrschaftlichen Opferverhältnissen festzuhalten und in der Krise nach deren Verschärfung zu verlangen.
P.S.: Zu den gegenwärtigen Verwerfungen Kritischer Theorie nehme ich in einem gesonderten Aufsatz mit dem Titel "Die abgewickelte Kritik" Stellung, der diesem Aufsatz unmittelbar folgen wird.
Heinz Gess
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