Von den Beobachtungen ausgehend, dass 'den' Deutschen zum einen bis heute die Vernachlässigung der Kolonialvergangenheit vorgeworfen wird und zum anderen in jüngster Zeit eine Schwerpunktverschiebung zu dem Thema koloniale Gewalt stattgefunden hat, werden in dem Beitrag erinnerungspolitische Debatten der letzten Zeit diskutiert. (1) Während sich die Erinnerungspolitik zum Kolonialismus in den vergangenen beiden Jahrzehnten tatsächlich grundlegend verändert hat, ist die politische Metapher einer 'postkolonialen Amnesie' zu einem eingängigen Slogan geworden, der nach wie vor ohne Rücksicht auf Herleitung und Begründung des Begriffs mit anklagender Absicht in den jeweiligen Diskursraum gestellt wird. In diesem Kontext wirft der Beitrag bislang noch nicht gestellte Fragen auf wie die, wann und wie genau ein zufriedenstellender Zustand post-kolonialer Erinnerungskultur erreicht sein könnte.
(2) Im Hinblick auf die Schwerpunktverschiebung wird anhand der klassischen Forschungsfragen der Memory Studies – "who wants whom to remember what, and why" und "who wants whom to forget what, and why"? – diskutiert, warum eine solche selektive Verschiebung zu kolonialer Gewalt als dem nunmehr entscheidenden Aspekt des Kolonialismus stattgefunden hat.
Der Beitrag zeichnet den Weg von einem umfassenderen und komplexeren Bild des Kolonialismus, wie es etwa in den 1980er Jahren noch zu finden war, bis in die Gegenwart nach, die von der Vorstellung einer ununterbrochenen Reihe von Gewalttaten und Völkermorden in den ehemaligen Kolonien geprägt ist. Vor diesem Hintergrund wird nach den Interessen gefragt, die hinter der spezifisch postkolonialen Art der Zusammenführung von Kolonialismus und Erinnerung stehen. Hier wird die eigene These vorgestellt, dass die verstärkte oder ausschließliche Hinwendung zum Thema koloniale Gewalt nicht zufällig zeitgleich mit einer Verschiebung der deutschen Erinnerungskultur in den Rahmen jener transnationalen Erinnerungsgemeinschaften erfolgte, die die globale Dimension von Erinnerungskulturen in den Vordergrund stellen und im postkolonialen Kontext den Unterschied zwischen Holocaust und Kolonialismus einebnen. Die Verlagerung der Aufmerksamkeit auf Gewalt im kolonialen Kontext, so das Fazit, fügt sich perfekt in diesen neuen Kontext erinnerungspolitischer Transformationen ein. Der Beitrag schließt mit einem Ausblick auf Aktivitäten von global players in Afrika wie China und Russland, die ein ganz anders geartetes Interesse an der Kontrolle der post-kolonialen Narrative haben, und diskutiert darüber hinaus Fragen nach einem möglichen Ende des Postkolonialismus.(x) (Monika Albrecht)
x Wenn das Stichwort „Postkolonialismus“ fällt, kommt oft reflexartig der Einwand, den einen Postkolonialismus gebe es ja gar nicht, dieser sei vielmehr ein heterogenes Feld. Das ist so richtig wie irrelevant für Kritik daran. Denn bei allen Unterschieden weisen post- und dekolonialistische Ansätze auch viele Gemeinsamkeiten auf – und auf die nehmen Kritiker und Kritikerinnen gewöhnlich Bezug.
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