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Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft
ISSN 1866-4105

Jargon der Eigentlichkeit. Zur Deutschen Ideologie

Details
Kategorie: Kritische Theorie
Veröffentlicht am Montag, 28. August 2006 18:02
Geschrieben von Theodor W. Adorno
Zugriffe: 8818
Echheit, Authentizität oder "mit sich selbst identisch sein", nicht mit dem "kleinen Selbst, sondern dem "großen kosmischen Selbst", sind heutzutage die äquivalenten Begriffe für "Eigentlichkeit". Nur die Spielmarke, das Etikett hat sich gewandelt, sonst aber ist die "deutsche Ideologie " der Nachkriegszeit, die Adorno im "Jargon der Eigentlichkeit" kritisiert, in ihren Grundzügen dieselbe geblieben. Sie wird heute aber nicht mehr nur in evangelischen Akademien oder philosophischen Seminaren, in denen der großen Meister, allen voran Heidegger, gedacht wird, propagiert, sondern vor allem im Fachbereich Sozialwesen. Hier ist der Jargon der Echtheit und Authentizität, die Beschwörung der Archetypen und des uranfänglich Eigenen, der kollektiven Identität, die man zu "individuieren" habe, weil man sonst "seelisch krank" werde, schon seit langem zur Leitideologie geworden.
Das alles lässt sich zudem ohne große begriffliche Anstrengungen mit einer "systemischen Sichtweise", dem "neuen" organologischen Paradigma aus der Soziologie, die soziale Systeme als "lebende Systeme" falsch begreift, leicht zusammenbringen und als allerneueste Wissenschaft von "hoher Komplexität" und "Allgemeinheit" verkaufen. Wer dabei nicht mitmacht, ist ausgeschlossen. Denn hier versammeln sich anti-intellektuelle Intellektuelle und bestätigen sich ihr höheres Einverständnis dadurch, dass sie einen, der nicht derart sich bekennt, wie sie es sich gegenseitig bezeugen und sich daran wärmen, aussperren. Was sie geistig verfechten, verbuchen sie narzisstisch als ihr Besser-Sein, wie wenn es den inneren Rang eines Menschen erhöhte, dass er einer Lehre vom Höheren anhängt. Sie sind heute wie damals, als Adorno über den "Jargon der Eigentlichkeit" schrieb, davor gefeit, mit solchen "Negativen" sich einzulassen, die nicht mitmachen, so, als hätte der kritische Gedanke kein objektives Fundament, sondern wäre subjektive Verfehlung der Person, die ihn äußert. Sie trinken angeblich aus dem ewigen Quell der Wahrheit, dem Brunnen der Natur, der göttlichen Offenbarung oder wie sie es auch iimmer nennen. Also muss, wer anders denkt, existenziell verkehrt sein. Bei ihnen ist "Sein" und "Denken" eins, wie sie sagen, und sie wähnen sich deshalb im Heil und als Heiler. Auf den Gedanken, dass ihr Sein, mit dem ihr Denken eins sein soll, falsch sein und bis ins Innerste schlechten Herrschaftsverhältnissen angepasst sein könnte, kommen sie nie.
Menschen solchen Typus vereinigen die Neigung, sich ins Recht zu setzen, mit der Angst, ihre Reflexion zu reflektieren, als glaubten sie sich selber nicht ganz. Sie wittern heute wie damals die Gefahr, das, was sie das Konkrete oder Authentische nennen, an die ihnen verdächtige Abstraktion wiederum zu verlieren, die aus den Begriffen nicht ausgemerzt werden kann. Konkretion dünkt ihnen durchs Opfer verheißen, zunächst einmal das intellektuelle. (Adorno)
Daran hat sich in Deutschland in den Jahrzehnten nach der Veröffentlichung des "Jargons der Eigentlichkeit" nicht nur nichts geändert, sondern die Zustände sind in dieser Hinsicht sogar sehr viel schlechter geworden. Die Forderung nach "Praxisnähe" des Studiums hat im Fachbereich Sozialwesen vor allem anderen dazu gedient, den Verdacht gegen die kritische und überhaupt jede Theorie, die sich dem Vorgebenen nicht von vornherein unterstellt und seine vorbehaltose Reproduktion zur Norm des Denkens macht, als angeblich praxisfern und schädlich zu bekräftigen. Das Opfer des Intellekts wurde als "Praxisnähe" zur systemischen Selbstverständlichkeit und mit dem "Jargon der Echtheit", "Selbstfindung". "Identität" etc. ideologisch überhöht.
Für diese Behauptung muss ich Ihnen freilich den Beweis in Form einer empirischen Erhebung schuldig bleiben. Diese wäre auch niemals finanziert worden. Ich kann mich nur auf meine Primärerfahrung, auf die Entwicklung des Fachbereichs Sozialwesen der FH Bielefeld seit 1972 berufen, in dem ich seit dieser Zeit tätig bin, und darauf, dass die Entwicklung dieses Fachbereichs vermutlich nicht sehr von denen anderer Fachbereiche derselben Branche abweicht. Ist diese Annahme richtig, ist "der Jargon der Eigentlichkeit" heute so aktuell wie nie zuvor.


Link zum Artikel (PDF): "Jargon der Eigentlichkeit. Zur Deutschen Ideologie". Klicken Sie bitte hier.
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