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Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft

Dialektik der 68er. - Mit den frühen gegen die arrivierten 68er

Kategorie: Ideologie- und Religionskritik
13. Januar 2009
Ottmar Mareis
3027 Zugriffe
Ottmar Mareis setzt sich kritisch mit der Revolte der 68er auseinander und zwar so, dass er mit den frühen kritischen Theoretikern gegen die arrivierten "späten 68er" argumentiert, die den Profit aus der Revolte zogen, indem sie die negative Kritik "anschlussfähig" (Habermas) machten, sie also in die hierzulande so beliebte 'konstruktive Kritik' verwandelten. Diese unterscheidet sich von der negativen dadurch, dass sie - in der Freudschen Terminologie - durch die Zensur des Über-Ichs hindurchgegangen ist und sie mit großem Aufwand an Ratio, die als instrumentelles Organ der Rationalisierung im Dienst des gesellschaftlichen Über-Ichs fungiert, mit Bravour bestanden hat, während jene die Ansprüche des Über-Ichs abweist, wenn sie mit Zuckerbrot und Peitsche einfordern, die lebendige Erfahrung zu unterdrücken, zu entstellen oder sich ganz gegen sie abzudichten, sich dem Strom zu überlassen.
Dieser Unterschied bringt es mit sich, dass das Über-Ich stolz auf die konstruktive Kritik ist und seine gesellschaftlichen Repräsentanten ebenso stolz auf jene Kritiker sind, die als Arbeiter im Wissensdienst ihre Ratio bis zur Selbstaufopferung anstrengen, um vor dem Über-Ich bestehen zu können. Ihnen verleihen sie aus Dankbarkeit für ihre Arbeit im Wissensdienst Orden und Preise, wie etwa der Ministerpräsident Rüttgers (NRW) dem Großkritiker Jürgen Habermas einen Staatspreis verliehen hat. Manch ein konstruktiver Kritiker wird - wie etwa Keupp oder Beck - auch Drittmittelmillionär. Er muss nur dem gesellschaftlichen Befehl gehorchen, es nicht bei der "bloßen Theorie" zu belassen, sondern seine "Kritik" durch die gängige empirische Sozialforschung zu "erhärten" und Empirie gänzlich auf diese Form der Erfahrung, die keine ist, reduzieren. Wer hingegen um der Wahrheit willen, weil er sich die lebendige Erfahrung und den wirklichen moralischen, den Leib durchzuckenden Impuls  nicht ausreden lässt, und deshalb an der negativen Kritik und Dialektik festhält, kann mit Lob und Zustimmung von den Repräsentanten gesellschaftlichen Über-Ichs gewiss nicht rechnen und wird gewiss auch kein Drittmittelmillionär werden, aber seine Kritik wird getragen von der Kraft der Freiheit und dem Impuls, in dem das Bessere gegenwärtig ist. Sie kann die Schärfe des Schwertes haben und die Zartheit der Liebe.

Die Wende, die Ottmar Mareis vollzieht - mit der "negativen Dialektik" gegen die arrivierten späten 68er - ist im Übrigen nicht neu. Diese Wende hat bereits Adorno in der Spätphase der Studentenrevolte in seinem Aufsatz "Marginalien zu Theorie und Praxis" (Gesammelte Schriften 10.2) vollzogen. Dort stehen schon Sätze wie
-"Die technokratische Universitätsreform, die man (…) abwenden will, ist nicht erst der Gegenschlag auf den Protest. Dieser befördert sie von sich aus. Die Freiheit der Lehre wird zum Kundendienst erniedrigt und soll sich Kontrollen fügen." (S. 777) Vollends wahr wurde dieser Satz erst 35 Jahre später mit dem "Hochschulfreiheitsgesetz" (NRW)
- "Der ohne Überschuss in die Praxis heimbefohlene Geist würde Konkretismus. Er verstünde sich mit der technokratisch-positivistischen Tendenz, der er zu opponieren meint und zu der er (…) mehr Affinität besitzt, als er sich erträumen lässt. Mit der Trennung von Theorie und Praxis erwacht Humanität. Fremd ist sie jener Ungeschiedenheit, die in Wahrheit dem Primat von Praxis sich beugt." (S. 768)
- "Pseudo-Aktivität vermag einzig durch unablässige Reklame sich am Leben zu erhalten. (…) Gibt der Kontrahent nicht nach, so wird er disqualifiziert und des Mangels eben der Eigenschaften bezichtigt, welche von der Diskussion vorausgesetzt würden. (…) Hinter der Technik waltet ein autoritäres Prinzip: Dissertierende müssen die Gruppenmeinung annehmen. Unansprechbare projizieren die eigene Unansprechbarkeit auf den, welcher sich nicht will terrorisieren lassen." Das fügt in den herrschenden Trend sich ein: "dem bürgerlichen Instrumentalismus; welcher die Mittel fetischisiert, weil seiner Praxis die Reflexion auf die Zwecke unerträglich ist" (S.771).
Nirgendwo ist dieser Instrumentalismus totaler, als dort wo alles und jedes zum "Management" oder "Kapitalfaktor" wird: Ressourcenmanagement, Sozialmanagement, Selfmanagement, Beziehungsmanagement, Humanmanagement, Humankapital, Ökokapital, Wissenskapital, kulturelles Kapital, Sozialkapital, Friedensdividende usw. usf.
Adorno sah diese Entwicklung, die erst jetzt vollends wahr geworden ist, schon in der Spätphase der 68er voraus und kritisierte die späten 68er, die zu Arrivierten wurden, mit aller Schärfe, weil sie diese Entwicklung bewusstlos entgegen dem, was die kritische Theorie intendierte, unterstützten. Er hielt den kommenden Arrivierten den Spiegel vor. Sie zerschlugen ihn und wandten sich anderem Anschlussfähigen zu. Herausgekommen sind konstruktive Kritiker wie Beck, Keupp, Beck-Gernsheim, Hitzler u. a. und das postmoderne Hochschulfreiheitsgesetz, das die Freiheit der Lehre zum Kundendienst erniedrigt.

Inhalt
Die Revolte: Die Revolte: "Das trojanische Pferd"
Die 68 er Perspektive: Künstler- und Sozialkritik
Sand im Getriebe
Umschlag von negativer Dialektik in Positivismus oder: Universitäre Anpassungsmechanismen
"Individualisierung" und Identität als Wölfe im Schafspelz der Zivilgesellschaft

Heinz Gess


Link zum Artikel (PDF): "Dialektik der 68er. - Mit den frühen gegen die arrivierten 68er (Keupp, Beck u. a.)". Klicken Sie bitte hier.
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