Zu Esra Özyüreks Stellvertreter der Schuld. Erinnerungskultur und muslimische Zugehörigkeit in Deutschland
Warum findet ein Buch, dessen zentrale Thesen auf fragwürdiger Empirie und problematischen Prämissen beruhen, in Deutschland so große Resonanz? Die Antwort führt weit über Esra Özyüreks Stellvertreter der Schuld hinaus. Monika Albrecht unterzieht die viel diskutierte Studie einer sorgfältigen Prüfung und zeigt, dass ihre Argumentation nicht nur auf empirisch schwachen Grundlagen beruht, sondern Teil eines erinnerungspolitischen Paradigmas ist, das den Holocaust zunehmend in den Horizont postkolonialer und „multidirektionaler“ Erinnerungskonzepte rückt.
Im Zentrum stehen Grundfragen der deutschen Erinnerungskultur: Wie wird heute über Holocaust, Antisemitismus und Migration gesprochen? Welche Rolle spielen Opferkonkurrenz, Schuldverschiebung und identitätspolitische Deutungsmuster? Der Aufsatz verbindet präzise Textanalyse mit ideengeschichtlicher Einordnung und zeichnet die Entwicklung jener Debatten nach, die den gegenwärtigen Streit um die Zukunft der Erinnerungskultur prägen.
Wer verstehen will, weshalb die Auseinandersetzungen um Holocaust-Erinnerung, Postkolonialismus und muslimischen Antisemitismus heute mit solcher Schärfe geführt werden, findet hier weit mehr als eine Buchbesprechung: eine fundierte Analyse der ideologischen Voraussetzungen und politischen Konsequenzen einer neuen Erinnerungspolitik.
Heinz Gess
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