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Wissenschaft, die nicht denkt PDF Drucken E-Mail
1888 mal gelesen.
Geschrieben von: Meinhard Creydt   
Sonntag, 10. Februar 2008 um 18:14 Uhr
Zur Wissenschaftskritik an den unmittelbar und mittelbar mit Gesellschaft befassten Sparten des akademischen Betriebs

Creydt schreibtt: "Die Gesellschaft erscheint nicht als das, was sie ist. Wissenschaftliche Erkenntnis unterscheidet sich von Alltagsevidenz. Deshalb bedarf es einer eigenen Wissenschaft von der Gesellschaft. Bei genauerer Beschäftigung mit dieser Wissenschaft bzw. mit ihren verschiedenen »Ansätzen« zeigt sich aber: Viele sozialwissenschaftliche Publikationen sitzen den üblichen scheinhaften gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen auf. Selbst namhafte Autoren reproduzieren
Bewusstseinsformen, die der gegenwärtigen Gesellschaft immanent sind, statt sie zu analysieren. Ich konzentriere mich im Folgenden auf eine sehr weit verstandene Soziologie nicht nur aus Gründen einer Überschätzung der Fachdisziplin.
Zu konstatieren ist vielmehr, daß viele soziologische Konstruktionen in andere Fächer hinein diffundiert sind: in die Politologie, die Erziehungswissenschaft, die Psychologie, Publizistik und Germanistik. Auch wenn es um die Soziologie als Fachdisziplin schlechter steht als in den 70er Jahren, so sind aktuell doch soziologische Deutungsmuster in anderen Fächern und auch in der öffentlichen Diskussion weit verbreitet. Viele dieser Konstrukte stellen die Verdoppelung eines Bewusstseins dar, das zwar in den bestehenden Verhältnissen pragmatisch funktionieren mag, sie aber nicht erkennt. Hypostasierungen, Kontextausblendungen, formelle Abstraktionen, Übergeneralisierungen usw. lassen sich aufweisen. Ein solches Denken trägt zur Herrschaft von "Sachzwängen" bei, indem es sie als erklärungsunbedürftig setzt, als im wesentlichen (bei allen akzidenziellen und ornamentalen Modifikationen) unantastbare Randbedingung jedweder Existenz, als vielleicht bedauerlich aber sicher unumgänglich. Diese Anerkennung sei der zu bezahlende Preis für den Genuss moderner »Errungenschaften«. Auch die Ideale, die in den Sozialwissenschaften grassieren und in die Auffassung von den Vorzügen »der modernen Gesellschaft« oder gar »der Moderne« eingehen, entstammen unbewusst jener Gesellschaft, der sie vermeintlich Orientierung geben sollen. Ohne hier auf Freud zurückgreifen zu müssen, vermag die Kritik der vorherrschenden soziologischen Selbstbeschreibungen von Gesellschaft deren gesellschaftliches Unbewusste zu zeigen. Es geht also weder vorrangig um Auftragsdenker, soviel Denker im öffentlichen Dienst es faktisch gibt, noch um Anpassung oder gar um Verfälschung von Ergebnissen bzw. Käuflichkeit von Experten, soviel es auch davon gibt (vgl. zu letzterem Bultmann, Schmithals 1994)."


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