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Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft

Gesundheit als Symptomfreiheit. Eine Kritik

Kategorie: Sozialarbeit
15. April 2005
Heinz Gess
4056 Zugriffe
Watzlawick freilich kann gar nicht schwanken. Wo er ansetzt, ist die Entscheidung schon gefallen: gegen das Unterdrückte, das sich im Symptom verhüllt äußert, und für das Verbot und für die »Hülle«, die es unbewusst hält, damit er der Irrationalität des rationalen Systems, das er so sehr bewundert, nicht ansichtig zu werden braucht. Das Ich stellt sich in den Dienst des Unbewussten und erweitert in seinem Dienste seine taktischen und technischen Fähigkeiten der Naturbeherrschung am eigenen Leibe. Die Symptomverschreibung bzw. -selbstverschreibung ist eine dieser Techniken, eine Technik, mit der man sich ganz rational selbst belügt, indem man die Symptomreaktion um ihren Sinn betrügt und den Schein der Harmonie erzeugt
In der von Wilber propagierten höchsten Bewusstseinsebene, der Ebene »transpersonaler Zeugenschaft« und schließlich der der »höchsten Identität«, des »All-eins-sein-, in dem alles Nicht-identische ausgelöscht ist, wird die abstrakte Negation der Verhältnisse durch die Menschen, die völlige Ablösung des Gefühls und Empfindens des Selbst von seiner wirklichen Realität, die eigentlich Gefühls- und Empfindungslosigkeit ist, bis ins Innerste hinein real verwirklicht. In ihnen ist wahr geworden, wovor Adorno einst als kommender Norm unter dem »späten Industrialismus« warnte: »Unterm Apriori der Verkäuflichkeit (macht) das Lebendige als Lebendiges sich selber zum Ding ... Das Ich nimmt den ganzen Menschen als seine Apparatur bewusst in den Dienst. Bei dieser Umorganisation gibt das Ich als Betriebsleiter soviel von sich an das Ich als Betriebsmittel ab, dass es ganz abstrakt, bloßer Bezugspunkt wird: Selbsterhaltung verliert ihr Selbst. Die Eigenschaften ... werden bedienbar ... Mit ihrer Mobilisierung verändern sie sich. Sie bleiben nur noch als leichte, starre und leere Hülsen von Regungen zurück ... eigenen Zuges bar. Sie sind nicht mehr Subjekt, sondern das Subjekt richtet sich auf sie als sein inwendiges Objekt. In ihrer grenzenlosen Gefügigkeit gegen das Ich sind sie diesem zugleich entfremdet: als ganz passive nähren sie es nicht länger. « (Adorno 1951, 309f.)


Notiz: Über die Technik der Symptomverschreibung als Technik der Verleugnung real erlebten Leidens oder über die falsche Wendung aufs Subjekt bei Watzlawick, Ken Wilber und anderen New Age Therapeuten. Die Wiederauferstehung der rein innerlichen "Freiheit des Christenmenschen" (Luther) in therapeutischem Gewand
von Heinz Gess
Link zum Artikel (PDF): "Gesundheit als Symptomfreiheit. Eine Kritik". Klicken Sie bitte hier.
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