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Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft

Die neue Rechte und ihr (pseudo- )linkes Gegenstück

Kategorie: Neue Rechte, Völkisches Denken, Rassismus
12. März 2005
Heinz Gess
7642 Zugriffe
Kulturrevolution von Rechts im Jargon des linken Kulturrelativismus

Das den Faschismus ideologisch erzeugende Projekt, dem die Vorstellung zugrundeliegt, die Gesellschaft sei ein verwilderter Garten, in dem der »konservative Revolutionär« als Gartenbauarchitekt nach einem von ihm konstruierten, die ökologischen Gesetzmäßigkeiten berücksichtigenden Plan die Ordnung wiederherzustellen und alles zu jäten und mit der Gartenschere abzuschneiden habe, was sich ihr nicht fügt, ist nicht tot, sondern lebt unter Berufung auf das vornehme Wort »Kultur« oder, wie es heute meist heißt, »nationale Identität« fort. Mit ihm lebt die alte Bedrohung alles dessen fort, was "der Gärtner" für Unkraut hält und das Adorno  mit den realen Abstraktionen, nach denen der Gärtner das "ökologische Gleichgewicht" und der Systemingenieur im Allgemeinen das systemische Gleichgewicht herstellen will, das Nichtidentische nennt.
Das faschistische Projekt lebt nicht nur dort fort, wo wir es ohnehin alle vermuten, in rechtsextremen, gegen die liberale Demokratie und alle Formen des demokratischen Sozialismus gerichteten Tendenzen und Organisationen, sondern auch in der Demokratie. Ich halte dieses Fortleben faschistischer oder faschismusfreundlicher Ideologien in der Demokratie für bedrohlicher als die offensichtlich gegen die Demokratie gerichteten Tendenzen. Diese werden nur in dem Maße stark, wie sie von innen her auf ähnliche ideologische Bereitschaften stoßen und gestützt werden. Ich werde mich deshalb hier auf solche Bereitschaften konzentrieren und demonstrieren, dass es seit etwa Ende der siebziger Jahre eine zunehmend stärker werdende Tendenz gibt, den Nationalsozialismus zu relativieren und durch solche Rehabilitation den ideologischen Mächten, die ihn einst verbreitet und ihm das Wort geredet haben, wieder zu öffentlichem Renommee zu verhelfen. Das gilt nicht nur für den »Historikerstreit«, sondern erfolgt vielleicht effektiver noch im Bereich der Friedens- und Ökologiebewegung, und hier vor allem vermittelt über das im New Age gepredigte »Neue Denken«. Das »neue rechte Denken«, das keineswegs reaktionär, sondern mit »revolutionärem Gestus« daherkommt und ein Ende der Zerstörungen durch eine »neue Ordnung« nach »lebensrichtigen Prinzipien« verspricht, ist auf dem Vormarsch. Selbst da ,wo man bislang Linke vermuten würde, breitet sich unter dem Deckmantel eines linken Restjargons neurechtes Denken aus.
Der Vortrag wurde 1994 an der Fachhochschule Bielefeld gehalten. Er hat seitdem an Aktualität nichts eingebüßt. Im Gegenteil, die völkisch-identitären Tendenzen sind heute stärker als damals. Ich habe mit meiner Befürchtung 1994 also Recht behalten. Aber das ist kein Trost für mich. Denn als ich den Vortrag hielt, hoffte ich, dass sich durch rechtzeitige Aufklärung über die ideologischen Verschiebungen, die in der deutschen Linken zu konstatieren waren, die sich abzeichnende Gefahr verhindern ließe, und noch immer hoffe ich auf eine emanzipatorische Wende, wenngleich die Bedingungen dafür miserabel sind. Wie bereits 1994 zu befürchten stand, arbeitet die "deutsche Linke" in ihrer narzisstischen Sucht, dazugehören und dabei sein zu müssen, wenn es angeblich "neue" Machtpositionen" zu erobern gilt, an vorderster ideologischer Front daran mit, ein neues europäisches "Reich der Mitte" (Benoist) zu formieren, in dem vermeintlich alles "anders" und das Kapital "authentisch" "gut", "schaffend" und der "Volksgemeinschaft" verantwortlich (= sozial =antiliberal) ist oder doch zumindest sein wird, haben erst einmal die deutsch-linken Ideologen, die sich zum Gewissen der kapitalen Volksgemeinschaft ernennen (La Fontaine), die Macht, während es jenseits des Atlantiks und in Israel, wo die "Wurzellosen" wohnen, die 'keine Heimat haben' (Nietzsche), bekanntlich von Grund auf "böse", raffgierig, räuberisch, egoistisch, antisozial (=neoliberal) und kriegstreiberisch zugeht.
Noch einmal ein Elbhochwasser in deutschen Wahlkampfzeiten, noch einmal einen 11. September, noch einmal ein faschistisches Regime, das nach der Bombe und dem ÖL greift, um Israel und den Westen erpressen zu können, noch einmal ein militärisches Eingreifen der USA in deutschen Wahlkampfzeiten, um einen derartigen Anschlag abzuwehren, und der Antisemitismus und Antiamerikanismus wird in der deutschen "Linken" kein Halten mehr kennen! Dann ist die Stunde der wirklichen Rechten und "befreiten Zonen" gekommen. Dann ist der Boden für sie endgültig bereitet - bereitet von ihren Brüdern und Schwestern auf der "Linken", die nicht links noch rechts, sondern vor allem eines sind: antiamerikanisch und antizionistisch, rinks und lechts. Die iranische Bombe könnte die Stunde der Entscheidung für oder gegen die falsche "europäische Alternative" werden.
Weil ich die Situation so sehe, halte ich meinen Vortag von 1994 immer noch für aktuell, auch wenn einer der "rinken "Autoren, auf die ich mich beziehe, nämlich Bahro, heute schon nicht mehr ist.


Link zum Artikel (PDF): "Die ''neue Rechte'' und ihr pseudolinkes Gegenstück". Klicken Sie bitte hier.
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