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Daten zum Skandal der wachsenden sozialen Ungleichheit in Deutschland - PDF Drucken E-Mail
2549 mal gelesen.
Geschrieben von: DIW   
Donnerstag, 08. November 2007 um 11:04 Uhr

Das Vermögen ist in Deutschland wesentlich ungleicher verteilt als Einkommen. Nach der jüngsten Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (88672. Wochenbericht des DIW Berlin Nr.45/2007 ) verfügen rund zwei Drittel der Bevölkerung ab 17 Jahren über kein oder nur ein sehr geringes Vermögen. Im Durchschnitt betrug das individuelle Netto-Vermögen im Jahr 2002 rund 81 000 Euro. Aufgrund der sehr ungleichen Verteilung liegt der Median, also der Wert, der die reiche Hälfte der Bevölkerung von der ärmeren trennt, nur bei etwa 15 000 Euro. Im Gegensatz dazu besitzen die reichsten 10 Prozent knapp 60 Prozent des gesamten Vermögens. Das arithmetische Mittel beläuft sich in Deutschland insgesamt auf knapp 81 000 Euro, wobei Personen in den alten Ländern mit knapp unter 92 000 Euro rund 2,6-mal soviel Vermögen besitzen wie diejenigen in den neuen Ländern.

Weitere Sozialstrukturanalysen zeigen große Unterschiede im individuellen Netto-Vermögen zwischen Männern und Frauen (96 000 Euro bzw. 67 000 Euro) sowie zwischen Personen ohne und mit Migrationshintergrund (87 000 Euro bzw. 47 000 Euro).Rund zwei Drittel verfügen über kein oder nur ein sehr geringes individuelles Netto-Vermögen (Geld- und Realvermögen). Das Vermögen ist in Deutschland weitaus stärker konzentriert als das verfügbare Einkommen. Dabei besteht aber ein sehr enger Zusammenhang zwischen der Höhe des verfügbaren Einkommens und dem individuellen Netto-Vermögen. Der Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am gesamten Volkseinkommen hat von 1996 bis 2006 um knapp 4 Prozentpunkte auf 33,8 Prozent zugenommen

Der paritätische Wohlfahrtsverband nennt dieses Ergebnis einen Skandal. Er hat recht damit. Es ist ein sehr realer Skandal, noch dazu einer, der zunehmend wächst. Unrecht hat der Wohlfahrtsverband aber damit, dass er die Politik auffordert, für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen. Diese Forderung ist im strengen Sinne ideologisch. Sie verstärkt das falsche Bewusstsein, zwischen der Form der Produktion des abstrakten Reichtums und der Verteilung des Reichtums gebe es keinen inneren, gesetzmäßigen Zusammenhang. Deshalb könne der Staat, wenn er nur wolle, die Verteilung wesentlich ändern, und alsdann zu fordern, weil er es könne, müsse er es um der Gerechtigkeit willen auch tun. Das aber ist falsch. Denn die Ungerechtigkeit ist nun einmal durch die Produktionsweise selbst bedingt. Sie ist eine system-immanente Notwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. Diese ist von ihrer Konstitution her ungerecht. Ungerecht mit System, weil das autopoietische System des Kapitals anders gar nicht funktionieren kann, Zwischen der Form der Produktion und dem, was der Sozialstaat umverteilen kann, besteht ein innerer, gesetzmäßiger Zusammenhang, so wie ein gesetzmäßiger Zusammenhang zwischen den gehobelten Holzmetern und den anfallenden Holspänen besteht. Der Staat kann also nicht tun, was er um der Gerechtigkeit willen tun sollte. Die Forderung, er solle es dennoch tun, ist darum im schlechten Sinne abstrakt und ideologisch. Sie hält die Menschen bei der Stange des Kapitalismus, weil sie ihnen einredet, es ginge auch im Kapitalismus wesentlich anders und dazu wäre nichts anderes nötig, als die Funktionäre des paritätischen Wohlverband oder die PDS mit Oskar La Fontaine und Gysi an der Spitze an die Macht zu bringen. So wird der Skandal statt zur Kritik konformistisch gewendet und als Wasser auf die eigenen Mühlen im falschen Ganzen geleitet.
Das ist die Funktion linker Propaganda heute. Sie spricht die - anderen - Politiker schuldig, weil sie nicht tun, was sie nicht tun können, wenn sie die Autopiesis des Kapitals nicht gefährden wollen. Welcher von den viel- versprechenden Funktionären des kapitalistischen "Sozialstaats" aber will das schon? Wer von ihnen hat eine Perspektive über das Kapital hinaus, die nicht wieder auf den autoritären, noch schlechteren Verteilungsstaat setzte? Wer von ihnen macht kritische Politik im Sinne der gesellschaftlichen und individuellen Emanzipation von Herrschaft? Wer die Illusion der Verteilungsgerechtigkeit im Kapitalismus nährt, tut das ganz gewiss nicht. Er lügt, um im bloßen Meinungskampf den besseren Teil für sich davon zu tragen
Nicht Verteilungsgerechtigkeit, die es nicht gibt, muss das Ziel kritischer Sozialpolitik sein, sondern es muss ihr Ziel sein, innerhalb des Kapitalismus die materiellen und psychischen Voraussetzungen für gesellschaftliche und individuelle Emanzipation von Herrschaft zu schaffen. Beides ist nicht dasselbe. Wer letzteres anstrebt, ist mit den Verhältnissen, wie sie sind, entzweit, unversöhnt. Diese Unversöhntheit treibt ihn an. Dagegen sind die Apostel der Verteilungsgerechtigkeit mit den Verhältnissen durch die Illusion, die ihr Versprechen nährt, zutiefst falsch versöhnt. Sie sind Träger des konformistischen Protests, antibürgerliche, linke bourgeois aus Überzeugung. Bei den Funktionären des Sozialstaats ist der konformistische Protest gar zur Profession geworden - und die Sozialarbeit zur genuin ideologischen Praxis.

Wer nach einer grundlegende Erklärung für den Skandal der Akkumulation abstrakten Reichtums auf der einen und der relativen Verarmung auf der anderen Seite sucht, wie sie die Untersuchung des DIW - wieder einmal - an den Tag bringt, und wissen will, warum sich dieser Skandal innerhalb der spezifisch kapitalistischen Produktionsweise nicht aufheben lässt, wenngleich die christliche, sozialistische und christlich-soziale Philanthropie seit ihren Anfängen das Gegenteil verspricht, dem empfehle ich immer noch oder schon wieder:
 
Karl Marx: Das Kapital

s. auch: Heinz Gess, Statistisches Bundesamt: Wachstum 2007



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