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Mob der Frommen

Kategorie: Ideologie- und Religionskritik
08. März 2006
Wolfgang Sofsky
4552 Zugriffe
Hunderttausende lassen sich nur mobilisieren, wenn sie zum Angriff bereit sind
Der religiöse Eiferer vermag Wort und Bild nur wörtlich zu nehmen. Doppelbedeutungen wie Scherz, Satire oder Ironie bringen sein Götzenbild ins Wanken. Unter Halbgläubigen gibt es wenig zu lachen. Gotteskrieger wiederum brechen alle Brücken hinter sich ab und verschreiben sich ihrer fixen Idee bis in den Tod. Brutale Tötungsmacht beweist ihren Anhängern, im Recht zu sein. Eilfertig taufen sie die Mörder zu Märtyrern um. Bigotterie und Gewalt haben ihren Anfang nicht in religiöser Inbrunst, sondern in der Brüchigkeit eines Glaubens, der sich selbst nicht mehr recht glauben will. Wer sich seiner heiligen Sache wirklich sicher ist, der benötigt kein Rachegebrüll, keinen Scheiterhaufen, kein Schlachtopfer, geschweige denn einen Sprengstoffgürtel.

Über profanen Groll hilft auch kollektiver Aufruhr hinweg. Was immer die persönlichen Motive der Demonstranten sein mögen, die Hetzmasse schafft sich ihre Triebkräfte selbst. Ist die Losung ausgegeben, sucht sich die Masse ihr Ziel. Wählerisch ist sie nicht. Das Ziel muß rasch erreichbar sein: ein Gebäude, eine Militärstation, ein Laden mit verfemten Waren, ein Fremder, der zufällig die Straße herunterkommt.



Notiz: s. auch Heinz Gess, das verletzte religöse Gefühl und die Religion als Herrschaftsform, im
Link zum Artikel (PDF): "Mob der Frommen". Klicken Sie bitte hier.
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