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Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft

Wie Foucault die schiitische Revolte lieben lernte

Kategorie: Ideologie- und Religionskritik
12. November 2008
Thomas Maul
1480 Zugriffe
Thomas Maul schreibt:"Postmodernes Denken erklärt nicht nur die Leitvorstellungen der Aufklärung bzw. der neuzeitlich-abendländischen Rationalität: Wahrheit, Vernunft, Identität, Fortschritt, Emanzipation usw. und die sich darauf beziehenden "großen Erzählungen" für unrettbar gescheitert und diskreditiert, sondern behauptet, wie Lyotard (1979: 122), daß sogar die "Sehnsucht nach der verlorenen Erzählung [...] für den Großteil der Menschen selbst verloren" sei - ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die großen Erzählungen in ihrer primitivsten Form wiederkehren und sich nicht nur im Iran zu materialisieren beginnen. (...) Allerdings: bei allen inhaltlichen und strukturellen Konvergenzen zwischen Postmodernismus und Islamismus wird deren ideologische Kumpanei seitens der Islamisten als eine politisch-bewußte Aneignung des "moderne-kritischen" Jargons betrieben, während sie seitens der Postmodernisten in der Regel eher die indirekte, bewußtlose Wirkung des hilflos-relativistischen Diskurses denn Ergebnis offensiver Bejahung ist.

Während Foucaults Begeisterung für den Islam-Nazismus in Frankreich von Anfang an auch auf Kritik stößt, (ist) die erste partielle Übersetzung und ausführliche Auseinandersetzung mit den in der italienischen Zeitung Corriere della Sera erschienenen Iran-Reportagen in Deutschland auf 1997 (...) eine Verharmlosung. Der Foucault-Experte Thomas Lemke spricht von "Irrtümern" und "Fehleinschätzungen historischer Prozesse" (1997: 317). Foucault selbst sieht das anders. Er hält jede Selbstkorrektur im Nachhinein für unnötig und lügt, dass sich die Balken biegen:
(...) Als am sogenannten Wochenende von Teheran, am 4. und 5. November 1978 die Islamisierung begann - Studenten zerschlugen alles, was an den Westen und den Schah erinnerte -, verteidigt Foucault die religiöse Opposition und schreibt den Gewaltausbruch dem Interesse des Schah zu, die Opposition derart zu spalten, daß sich die Gemäßigten von den Radikalen abwenden. Als am 8. März 1979 Frauen gegen den Tschador demonstrieren und islamistische Milizen in die Menge schießen, schweigt Foucault. Ebenso als Mitte März bekannt wird, daß islamistische Milizen und der Mob Jagd auf Homosexuelle machen. Auch von der allmählichen Einführung der Scharia und ihren Urteilen weiß er nichts zu berichten. Daß die Revolte im konkreten Fall stets von Antisemitismus und Xenophobie begleitet war, wird zwar am Rande notiert (vgl. 1978 b: 833; 1979 e: 990), ist aber entweder als Problem keine Reflexion wert, oder wird gar legitimiert: schließlich sei "der Rückgriff auf Traditionen und Institutionen, die einen Gutteil Chauvinismus, Nationalismus und Ausschluß bergen", erforderlich, um "den Einzelnen wirklich mitzureißen" (1979 b: 943).

Als würde die bloße Gegnerschaft zum Schah automatisch Emanzipation verbürgen und eine Faszination für (den "irreduziblen") Khomeini (vgl. 1978 h: 897) und den schiitischen Islam erzwingen, die Foucault von der "Kraft des mythischen Stroms [...], der zwischen einem alten, seit 15 Jahren im Exil lebenden Mann und seinem Volk fließt, das nach ihm ruft" (1978 e: 865) schwärmen und die autoritäre Massenformierung als "politische Spriritualität" und "kollektiven Willen" abfeiern läßt (ebd.: 870)!

Foucault irrte also nicht. Im Gegenteil. Er hat die Islamisierung des Widerstands gegen den Schah und das revolutionäre Potential der Religion im Gegensatz zur iranischen Linken gerade frühzeitig antizipiert, erkannt - und begrüßt. Seine einfühlenden Berichte treffen durchaus ins Schwarze und zeugen mitunter von einem realistischen Gespür für zukünftige Entwicklungen. Etwa, wenn Foucault am Ende seines letzten Artikels für Corriere mit dem Titel Pulverfaß Islam fragt, was wohl geschehe, wenn das Bestreben der Palästinenser, ihr Land zurückzubekommen, "die Dynamik einer islamischen Bewegung erhält" und "welche Kraft [...] umgekehrt Khomeinis "religiöse" Bewegung, wenn sie sich die Befreiung Palästinas zum Ziel setzte?" (1979 c: 952).

Foucaults Affirmation der offenen Barbarei ist erklärungsbedürftig. Zumal sie unvereinbar mit seiner Theorie subtiler Machtwirkungen und seinem sonstigen gesellschaftspolitischen Engagement zu sein scheint."


Link zum Artikel (PDF): "Wie Foucault die schiitische Revolte lieben lernte ". Klicken Sie bitte hier.
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