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Kritik der neoliberalen Zerstörung der Universität PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Gerhard Stapelfeldt   
Sonntag, 29. November 2009 um 10:57 Uhr
zwei Reden (mit Vorwort) :
- gehalten am 24.11.2009 in Leipzig auf Einladung des StudentInnenrates der Universität Leipzig auf der Demonstration von Studierenden aus dem gesamten Bundesgebiet aus Anlaß der Tagung der Hochschul-Rektorenkonferenz in Leipzig und des Abschlusses des ‚Bologna-Prozesses’;
- gehalten am 27.11.2009 auf Einladung des Fachschaftsrates Psychologie der Universität Hamburg zu öffentlichen Vorlesungen in der Hamburger Innenstadt aus Anlaß der Solidaritäts-Aktionen mit den Studierenden-Protesten in Österreich sowie der massiven Kritik gegen die Wahl von Dieter Lenzen – der sich an der FU Berlin den Ruf eines autoritär-‚wirtschaftsfreundlichen’ Hochschulmanagers erworben hat – zum neuen Präsidenten der Universität Hamburg.
Vorwort des Herausgebers an die Akademie für Sozialwesen, der er selbst (noch) angehört 

Hohe Damen und Herren der Hohen Schule,

Ich empfehle Ihnen die Rede des Kollegen Stapelfeld sehr zu Ihrer Lektüre. Stapelfeld ist einer der wenigen Verfechter wirklicher kritischer Theorie und politischer Praxis, wie sie in dieser Welt verrückt gewordener Selbsterhaltung nur noch wenige gibt.  Seine Rede trifft nicht nur auf die neoliberale Universität, sondern auch voll und ganz auf den neoliberalen Fachbereich Sozialwesen zu.

Ich weiß, dass diese meine  Empfehlung an sie im pragmatischen Sinne selbstwidersprüchlich ist. In der Hohen Schule des Sozialwesens und aus ihr heraus hat es bisher - gewiss nicht zufällig - keinen Massen­protest von Studierenden gegen die neoliberale Zerstörung der Hohen Schule und des Sozialwesens gegeben. Insgesamt grassiert dort nahezu überall ein übler Konformismus. Er heult mit den Wölfen und versüßt sein Geheul zur "Toleranz", zum Gutmenschentum und - ganz wissenschaftlich - zum "social development". Der abge­brühte Konformismus ist so allgemein, so tief verinnerlicht und so verhärtet, dass er dem reflexiven Bewusstsein als Konformismus gar nicht mehr bewusst wird, sondern dieses umgekehrt als sein dienstbarer Zensor fungiert, der die  Wünsche, Impulse und Hoffnungen des "Affen" (s. Kafka, ein Bericht für eine Akademie, in, Sämtliche Werke, 2006,  S.1001), der sich nach Freiheit sehnt, sobald sie sich regen und gegen das aufbegehren, was sie zugrunde richtet, auf den richtigen Pfad der repressiven Toleranz, Tugend, Ertüchtigung (empowerment) und des sozialen Fortschritts lenken, damit sie ihre Energie zur eigenen Abrichtung und  Liquidierung durch Verlebendigung des toten Apparates und ihrer immerzu „freundlich grüßenden“ Funktionäre bereitstellen. Bei den Ideologiebildnern der Hohen Schule des Sozialwesens ist diese Verkehrung zur Profession und zum einträglichen Geschäft geworden. Wie sollten also ausgerechnet sie irgendwelche emanzipatorischen Impulse fördern und unterstützen können und wollen, wo ihr Geschäft doch die Integration dieser Impulse ins falsche Ganze ist?

Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma?
Der „dressierte Affe“ (s. o. Kafka) hätte seinen lebendigen Geist schon längst aufgegeben und sich in tiefer Depression vom Klettergerüst der Akademie gestürzt oder vor den Zug geworfen, wäre er nicht beständig auf der Suche nach ihm und hätte eine Ahnung davon. Wie es in Ihrer Hohen Schule heißt: „Irgendwie“ weiß er davon. Aber er spricht es nicht aus, weil es unaussprechbar ist. Wäre es in Begriffen fixiert und ausgesprochen, es wäre nicht mehr, was es ist. Es ist nur in der Praxis des Lebens wirklich, durch keinen Begriff je ganz fassbar. Schlimmer aber noch, sehr verehrte Damen und Herren von der neoliberalen Akademie: Würde es ausgesprochen, es wäre sogleich ganz und gar verloren. Denn ihre fertigen Ideologiebildner würden das Ausgesprochene sogleich ergreifen, um den Beweis anzutreten, dass sie ihr Geschäft aufs Beste verstehen und nichts, aber auch gar nichts ihrem mit Kompetenz betriebenen Geschäft der Integration all dessen, was ist, einschließlich des Auswegs, entgehen kann, auf dass die Menschen restlos zum "Humankapital" erniedrigt und ihre heilige, zarte Natur zum Rohstoff der Herrschaft nur und nur um der gesellschaftlichen Herrschaft selbst willen gemacht wird. So bleibt es also das Unaussprechbare, von dem ein jeder nur selbst, aus freien Stücken und kraft seines Denkens und Wollens wissen kann, unausgesprochen, und das ist gut so.

Heinz Gess

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Kommentare (1)
Studierendenproteste
1 Sonntag, 13. Dezember 2009 um 13:39 Uhr
Dr. Eva Dalhaus
Sehr geehrter Herr Gess,

ich verfolge schon seit längerem Ihre Anregungen und stehe dem Kritiknetz positiv gegenüber.

Nun zu Ihrem Kommentar: Leider ist es wirklich so, dass die Studierendenproteste ökonomischen und politischen Interessen einer "neo-liberalen Zerstörung der Universität", wie es hier wie ich finde passend bezeichnet wird, nur entgegenkommen.
Ich für meinen Teil sehe hier jedoch auch kein "reflexives Bewusstsein". Denn würde dieses vorhanden sein, würde es erstens nicht so ein positiv-gleichgültiges Echo aus der Politik gegenüber den Studierenden (Spiegel: "Die Sympathieträger") geben; und zweitens würden Studierende bei einem vorhandenen Reflexionsvermögen über die derzeitige Gesamtsituation und insbesondere der Stellung der Universität im politischen und wirtschaftlichen Handlungsfeld nicht nur auf die Straße gehen und auf sich aufmerksam machen, sondern sie würden ihren Unmut in einem realistischen Interesse an der politischen Arbeit in der politischen Arbeit umsetzen. Da dies jedoch nachgewiesenermaßen bei der heutigen Studierendengeneration nicht der Fall ist, wird deutlich, dass es letztendlich nur um eigene, oft rein materialistische Interessen geht, die - wenn nötig - auch im egoistischen Kampf gegen die eigenen Reihen durchgesetzt werden sollen.

Ein dritter, nicht unwesentlicher Faktor ist: Es fehlt der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Gruppen der Universität (Hochschulprofessoren, Lehrkräfte und Studierende). Unter diesen Voraussetzungen leitet es den äußeren Betrachtenden bei einem derartigen fast selbstzerstörerischen Bild doch beinahe dazu an, die Situation auszunutzen und die Autononomie der Universität im Sinne der Freiheit des Geistes, der Bildung und Aufklärung mit einem Stoß in den Abgrund zu versetzen.

Mit freundlichen Grüßen
Eva Dalhaus
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