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Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft

Auf dem Weg zur „Bürgerschule“

Kategorie: Hochschul- und Bildungspolitik
06. November 2009
Jens Wernicke
1211 Zugriffe
Zur neoliberalen Entstaatlichung in progressivem Gewand und mit linkem Zungenschlag als Forderung des Spitzenverbandes der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland

 

 

Jens Wernicke weist in diesem Aufsatz nach, dass die Forderung des DPWV und anderer freier Träger nach Entstaatlichung des Schulsystems zugunsten von Privatschulen in „freier Trägerschaft“, so genannten Bürgerschulen, nur die linksdrapierte neoliberale Forderung nach Privatisierung und kapitalen Vermarktung von Bildung und Ausbildung ist. Die Forderung wird garniert mit Begriffen, die den Anschein erwecken sollen, als bezöge die Forderung nach der „Bürgerschule“ in „freier Trägerschaft“  sich auf die kritische Theorie der sechziger Jahre und die damaligen radikal demokratischen, auf Emanzipation von gesell­schaftlicher Herrschaft ab­zie­lenden Reformideen, etwa auf Adornos Forderung „Erziehung zur Mündigkeit“. Aber das ist bloße Reklame, Produktion von falschem Bewusstsein, um die abgeschmackte und verdorbene Ware schmackhaft und unverdorben erscheinen zu lassen. Die Forderung nach der Bür­gerschule von der BERTELSMANN-DPWV-GMBH ist nur ein neues Beispiel für die „Dialektik der Aufklärung“, wie sie sich zur Zeit im Bildungssystem vollzieht – das Resultat einer Entwicklung, in der emanzipatorische Forderungen von großen privaten Trägern mit Marktmacht (z.B. DPWV) ideologisch unterstützt und finanziell gefördert von Stiftungen des Kapitals (wie der Bertelsmann-, Volks­wagen/Porsche-Stiftung), übernommen und für die Ausweitung ihrer eigenen Markmacht nutzbar gemacht werden.

Das geht im Deutschland der linken Gutmenschen nur, indem die Reflexion auf das System des Marktes und der im Tausch sich versteckenden gesell­schaftlichen Herrschaft, systematisch aus­geblendet wird. Jene, die die Bürgerschule fordern, wollen keine theoretische  praktische Kritik im Sinne der kritischen Theorie der Gesellschaft und praktizieren sie auch nicht. Sie wollen auch nicht, dass im Licht dieser Kritik neu begonnen und Bildung mit Emanzipation von gesellschaftlicher Herrschaft zusammengedacht und praktiziert wird. Sie tun umgekehrt vielmehr alles, diese Kritik auszublenden und an den Hochschulen zu liquidieren – auch aber nicht nur dadurch, dass man deren Begriffe semantisch neu besetzt oder sie durch andere, ähnlich klingende Begriffe (wie etwa „Emanzipation“ durch „Empowerment“ ersetzt. Das Resultat ist die „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer, Adorno). Aus Bildung als Prozess des Exodus aus der Unmündigkeit wird Ausbildung zum vereinzelten einzelnen Privatbürger in der „Bürgerschule“, deren heimliches Curriculum darin besteht, den vereinzelten Einzelnen zu individualisieren, damit er als gesellschaftliches Individuum gebrochen wird, und ihn durch Individualisierung zu jenem harten, eiskalten, „allseits beliebten“ Tüchtigen zu machen, der ohne Rest zum „Verkäufer seiner objektivierten und versachlichten geistigen Fähigkeiten“ (Lukacs) und bedienbaren Eigenschaften wird und darin aufgeht.

Jene Ideologen vom DPWV und anderen Organisationen, die derzeit die Bürgerschule pro-pagieren, werden sich gewiss als „neue Denker“ in Szene setzen, die mit der „Bür­ger­schule“ die allerneueste Innovation von höchstem Nutzen bescheren. Das verlangt der Markt so. Das erhöht den Tauschwert. Ohne Gebrauchswertschein kein Tauschwert. Aber das Gegenteil ist wahr. Karl Marx beschrieb die Ideologie dieser „Innovation“ schon 1849 im kom­munistischen Manifest trefflich als „Bourgeois­sozialismus“. Dort heißt es dazu: Unter poli­tischer Veränderung und Ver­än­derung der materiellen Lebensbedingungen versteht dieser Sozialismus keineswegs die Schaffung der gesell­schaft­lichen Voraussetzungen zur Ab­schaffung der bürgerlichen Pro­duktions­verhältnisse und deren tatsächliche Abschaffung, „die nur auf revolutionärem Weg möglich ist, sondern administrative Verbesserungen, die auf dem Boden dieser Pro­duk­tions­verhältnisse vor sich gehen, also an dem Verhältnis von Kapital und Arbeit nichts ändern, sondern im besten Fall der Bourgeoisie die Kosten ihrer Herrschaft vermindern und ihren Staatshaushalt vereinfachen.“ Seinen adäquaten Ausdruck erreicht dieser Sozialismus Marx zufolge in Sprechblasen wie:„Freier Handel! im Interesse der arbei­tenden Klasse; Schutzzölle; im Interesse der arbeitenden Klasse; Zellengefängnisse! im Interesse der arbeitenden Klasse.“ Heutzutage müsste man hinzufügen: „Studiengebühren; im Interesse der arbeitenden Klasse“. „Bürgerschule; im Interesse der arbeitenden Klasse“

Der Bourgeoissozialismus „besteht eben in der Behauptung, dass die Bourgeois Bourgeois sind – im Interesse der arbeitenden Klasse“. Also ist auch die Bourgeoisschule (Bürgerschule) eine „Bürgerschule  – im Interesse der arbeitenden Klasse“. Es versteht sich selbstredend, dass der DPWV als Organisation professioneller Betreuer und Erzieher von Lohnarbeitern und Armen in Hartz IV und der DPWV-Professor da nicht zurückstehen wollen und nun konsequent „die Bürgerschule; - im Interesse der arbeitenden Klasse“ fordern.

Heinz Gess

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