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Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft

Ohne Leitbild und ohne "coporate identity"

Kategorie: Hochschul- und Bildungspolitik
10. März 2005
Heinz Gess
3895 Zugriffe
Hochschullehrer, die Leitbilder vermitteln wollen, die Erfahrungswissenschaften in den Dienst solcher vorab aufgestellter Leitbilder stellen und von "ihren" Studenten mit der Autorität ihres Lehramtes dasselbe erwarten, verfehlen ihre Aufgabe. Sie werden zu Gurus, Pseudotheologen, Mandarinen, Weltanschauungs-apologeten, Hirten der Herde, Führern. Wer verbindliche Leitbilder fordert, verwechselt das Lehramt an der Hochschule mit dem der katholischen Kirche oder islamischen Moschee. Dort wird von den Lehramtsinhabern erwartet, dass sie ein festgeschriebenes Leitbild vermitteln, das fachlich-objektive Wissen als ancilla theologiae in den Dienst des festgeschriebenen Leitbildes stellen und jeden Versuch unterlassen, die Leitbilder im Lichte des fortgeschrittenen fachlich-objektiven Wissens der radikalen Kritik zu unterziehen, die für das Leitbild und seine Entwickler, Verwalter und Vermittler, die mit ihrem Leit-Bild leiten oder führen wollen, nicht »positiv« und »aufbauend« ist, sondern negativ, weil sie das Leitbild destruieren.
Muss ich die Leitbildner daran erinnern, wie viel Leid, Qual, Tod und Vernichtung die Aufrichtung und Durchsetzung von Leitbildern und der Anspruch, alle objektive Erkenntnis in ihren Dienst zu stellen, allein schon in der europäischen Geschichte gekostet hat und wie viele gesellschaftliche Kämpfe notwendig waren, sich von dem Zwang verordneter Leitbilder und der Herrschaft ihrer Vermittler wenigstens in wissenschaftlichen Institutionen zu befreien? Dabei soll es auch bleiben, und wenn »wir« uns auf etwas verständigen wollen, schlage ich im Eingedenken dieser Kämpfe vor, uns darauf zu verständigen, unnachgiebiger und entschiedener als bisher alle illusorischen Verwirklichungen des menschlichen Wesens zu kritisieren und kein Leitbild von dieser Kritik auszunehmen. Ich schlage vor, alle Leitbildnerei und das Bedürfnis danach zu kritisieren und radikal zu destruieren, um mit der Kritik die Verhältnisse zu treffen, die das Bedürfnis nach dem sicheren Halt im Leitbild, nach Führung und Selbstunterstellung entstehen lassen, damit die Menschen handeln lernen als enttäuschte, zu Verstande gekommene Menschen.


Link zum Artikel (PDF): "Ohne Leitbild und ohne "coporate identity"". Klicken Sie bitte hier.
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