Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft
Wandel politischer Orientierungen und gesellschaftlicher Werte der Studierenden - Studierendensurvey: Entwicklungen zwischen 1983 und 2007
- Kategorie: Hochschul- und Bildungspolitik
- 14. März 2009
- Tino Bargel
- 1925 Zugriffe
Sevice des Kritiknetzes:
Die Untersuchung der AG Hochschulforschung der Konstanzer Sozialwissenschaftler hat erschreckende Ergebnisse gebracht, was die politischen Einstellungen deutscher Studierender angeht. Danach sind deutsche Studierende mehrheitlich politisch "teilnahmslos" und "labil". Die vom Staat und Kapital gegen den Willen der allermeisten Hochschullehrer, aber auch ohne deren Gegenwehr durchgesetzten Hochschulreformen und "Sachzwänge" an den Hochschulen zeigen also die von mir im Kritiknetz schon seit langem prognostizierten Wirkungen. Sie sind sogar noch erschreckender, als ich es erwartet habe.
Zur Erinnerung: Studierende werden durch das Hochschulreformgesetz, das sich in NRW zynischerweise Hochschulfreiheitsgesetz nennt, indes doch nur die Freiheit des Kapitals gemeint ist, Lehre und Forschung der Erfordernissen der Kapitalakkumulation restlos unterzuordnen, in der Lehre ausschließlich auf ihr Dasein als kleine Bourgeois vorbereitet und darauf reduziert.
Die Untersuchung der AG Hochschulforschung der Konstanzer Sozialwissenschaftler hat erschreckende Ergebnisse gebracht, was die politischen Einstellungen deutscher Studierender angeht. Danach sind deutsche Studierende mehrheitlich politisch "teilnahmslos" und "labil". Die vom Staat und Kapital gegen den Willen der allermeisten Hochschullehrer, aber auch ohne deren Gegenwehr durchgesetzten Hochschulreformen und "Sachzwänge" an den Hochschulen zeigen also die von mir im Kritiknetz schon seit langem prognostizierten Wirkungen. Sie sind sogar noch erschreckender, als ich es erwartet habe.
Zur Erinnerung: Studierende werden durch das Hochschulreformgesetz, das sich in NRW zynischerweise Hochschulfreiheitsgesetz nennt, indes doch nur die Freiheit des Kapitals gemeint ist, Lehre und Forschung der Erfordernissen der Kapitalakkumulation restlos unterzuordnen, in der Lehre ausschließlich auf ihr Dasein als kleine Bourgeois vorbereitet und darauf reduziert.
Sie gelten in der Hochschule nur noch als potentielles variables Kapital bzw. gesellschaftliches Humankapital, in das investiert wird, um die Produktivität des kapitalistischen Produktionsprozesses erhöhen und den relativen Mehrwert steigern zu können. Zunehmend mehr identifizieren sich die Studierenden nun auch, wie vorhersehbar und politisch gewollt, mit dieser Reduktion ihrer selbst zum variablen Faktor des Kapitals. Sie begreifen das Studium nur noch als Investition zur Steigerung des Wertes ihrer Arbeitskraft, indem sie den Gebrauchswert ihrer Arbeitskraft für das Kapital oder für staatlich organisierte Funktionen, die dem Verwertungsbedürfnis des Kapitals zuarbeiten, erhöhen. Für diese Steigerung des Wertes ihrer Arbeitskraft und nur dazu rufen sie die Dienstleistungen der Hochschule als Konsumenten, die sich nicht mehr als Mitglieder der Hochschule begreifen und es nach dem Geist der neuen "Hochschulfreiheit" auch nicht sollen, ab. Die politische Dimension des Studiums, die Dimension des Bürgers als politischen Staatsbürgers, ist an der Hochschule nahezu völlig in Vergessenheit geraten. Was Menschen an Aufklärung, Bildung und Wissen brauchen, um als "sattelfeste Demokraten" politisch wirksam werden und womöglich die dringend nötige Emanzipation aus den Fesseln des Kapitals vorantreiben zu können, ist an den Hochschulen immer weniger noch präsent.
s. dazu
Thesen zur Kritik der autoritären, kapitalförmigen Transformation der Hochschule im "New Age"
s. dazu
Thesen zur Kritik der autoritären, kapitalförmigen Transformation der Hochschule im "New Age"
Hochschulpraxis in der Kritik.
Warum und wie die Hochschulreform nach dem "Hochschulfreiheitsgesetz" (NRW) Unfreiheit fördert und kritische Aufklärung erschwert - am Beispiel des Alt- und Neo-Nazis Werner Georg Haverbeck
Warum und wie die Hochschulreform nach dem "Hochschulfreiheitsgesetz" (NRW) Unfreiheit fördert und kritische Aufklärung erschwert - am Beispiel des Alt- und Neo-Nazis Werner Georg Haverbeck
Die Folgen sind erschreckend: Die Zahl der "sattelfesten Demokraten" unter den Studierenden sinkt nach der Konstanzer Untersuchung. Selbst einer Autokratie "würden die Studierenden keinen Widerspruch oder Widerstand entgegensetzen." Zwar ordnen sich die Studierenden selbst mehrheitlich dem grün-alternativen Spektrum oder der Sozialdemokratie zu, aber die Antworten auf Fragen zu konkreten Prioritäten zeigen ein völlig anderes Bild und lassen auf wachsende autoritär-masochistische Einstellungen schließen. So gibt über die Hälfte der befragten Studierenden an, dass ihr die harte Bestrafung von Kriminellen, der Schutz der traditionellen Kleinfamilie, das Leistungsprinzip und die stimulierende Wirkung des Wettbewerbs auf dem Markt wichtig sind und sie in steigendem Maße Angst hat vor "kultureller Überfremdung" hat. Die Teilnahme am öffentlichen politischen Leben dagegen wird von den Studierenden in zunehmendem Maße als unwichtig oder bedeutungslos eingestuft. Es besteht kaum noch eine Bereitschaft sich für das Grundrecht auf Meinungsfreiheit oder das Demonstrationsrecht aktiv einzusetzen. Selbst ihre eigenen kollektiven Belange sind den Studierenden ziemlich gleichgültig. Die Bereitschaft zu hochschulpolitischen Aktivitäten im Allgemeinen und studentischer Interessenvertretung im Besonderen ist auf ein kaum mehr zu unterbietendes Minimum gefallen. Diskussion und Kritikfreudigkeit sind so gering wie nie zuvor. Öffentliche Debatten werden nicht aufgenommen, sondern eher als lästig abgewehrt. Autoritäten qua Amt werden nicht in Frage gestellt, selbst dann nicht, wenn sie sich erkennbar als inkompetent erweisen und Grundrechte wie die Meinungsfreiheit an Hochschulen durch Degradation etwa des Rechts zur Herrschafts- und Verwaltungstechnik beschädigen. Die Studierenden passen sich dem autoritären Regime an den Hochschulen an und ziehen sich duckmäuserisch ins "Privatleben" des kleinen Bourgeois zurück, halten sich selbst aber gleichwohl immer noch für "links" oder "grün alternativ".
Das alles ist insbesondere für die Sozial- und Geisteswissenschaften fatal. Nur sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden: Die Hochschullehrer, die in ihren Veranstaltungen beredt ihren Unwillen gegen diese Hochschulreform und ihre Kritik daran formuliert haben, aber dann zur tiefen Enttäuschung vieler Studierender wider besseres Wissen widerstands- und widerspruchslos mitgemacht haben, um ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, haben es den Studierenden so vorgemacht. Sie ernten in gewissem Sinn nun die Früchte ihres schäbigen, linken Konformismus.
Im Übrigen war die Lage schon einmal ähnlich, nämlich 1931. Damals freilich erhob die von Fromm und Horkheimer durchgeführte Untersuchung über "die Lage von Arbeitern und Angestellten in Deutschland" nicht die politischen Orientierungen von Studierenden, sondern die von "Arbeitern und Angestellten" und kam zu ähnlich erschreckenden Ergebnissen. Auch die derzeit bei Studierenden festzustellende starke Diskrepanz zwischen der politischen Selbsteinschätzung als "links" oder "grün-alternativ " und ihrer wirklichen "autoritär-masochistischen" Befindlichkeit (Fromm) war damals unter Arbeitern und Angestellten in einem ebenso hohen Maße anzutreffen, wie sie es heute unter Studierenden ist. Nur hießen die politischen Etikette damals nicht "links" und "grün alternativ", sondern "sozial-demokratisch" und "kommunistisch". "Links" und "grün" sind demnach heute zu bloßen politischen Tickets geworden, die über die wirklichen politischen Prioritäten und politischen Einstellungen derer, die auf dem Ticket fahren, kaum noch etwas aussagen.
Heinz Gess
Link zum Artikel (PDF): "Wandel politischer Orientierungen und gesellschaftlicher Werte der Studierenden - Studierendensurvey: Entwicklungen zwischen 1983 und 2007 - ". Klicken Sie bitte hier.
Please wait...

