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Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft

Die Welt des deutschen Philisters und die Ideale des Unmenschentums. Eine Phillipika gegen die deutsche "Nah-Ost-Politik"

Kategorie: Antisemitismus
28. Juli 2008
Heinz Gess
1588 Zugriffe

Wie der Untertitel schon sagt, handelt es sich bei diesem Essay um eine Phillipika gegen die deutsche "Nah-Ost-Politik: "So fügt sich auch in diesem Konflikt zwischen barbarischen, vernichtungsantisemitischen Regimen und Rackets und den liberalen demokratischen Staaten und Gesellschaften wieder einmal zusammen, was historisch seit Fichte zusammengehört: die antisemitische bzw. antizionistische deutsche Volksgemeinschaft, jene "Schicksalsgemeinschaft" aus deutschem Kapital und deutscher Arbeit, von Rechtsdeutschen und Linksdeutschen, die sich in ihrer Vereinigung zum Urvolk der Mitte und neuerdings auch noch zur "Friedensnation" erklären, um dem konkurrierenden Bündnis zwischen Israel und den USA und ihren engeren Verbündeten um so leichter "die Mitte" absprechen und den Willen zum imperialistischen Krieg zusprechen zu können.
Es ist verrückt: Jene, die sich als Antikapitalisten und Kapitalistenkritiker in Szene setzen, schließen außenpolitisch das volksgemeinschaftliche Bündnis mit dem deutsch-europäischen Kapital und deren politischen Lautsprechern, den Bertrams, Schröders, Gorges, gegen das von Vernichtung bedrohte Israel und seine Schutzmacht Amerika, und halten sich gleichwohl immer noch für "Kritiker der politischen Ökonomie". Nichts kann deutlicher machen, was es mit dieser "Kapitalismuskritik" auf sich hat, nämlich dass es nur das konformistische antikapitalistische Ressentiment ist, das sich hier bewusstlos äußert, nicht aber der reflektierte Wunsch und die reflektierte Bewegung zur individuellen und gesellschaftlichen Emanzipation. Denn wenn Israel auch eine kapitalistische Gesellschaft und eine "bloß bürgerliche" Demokratie wie jede andere ist, so ist es doch eben dieser Staat, dem seine Feinde die Vernichtung prophezeien, und nicht der Iran und die Hamas, die in diesem Konflikt die Tür zur besseren Praxis der Emanzipation offen halten, während ihre Feinde sie auf ewig sperren und verschlossen halten wollen. Wer sich in dieser Lage verrät, wie es die Mehrheit der deutschen Linken tun, verrät die politische und menschliche Emanzipation. Seine Kapitalismuskritik ist angesichts dieser seiner wirklichen Politik nur eine Schmierenkomödie, der Hohn auf die emanzipatorische Kritik der politischen Ökonomie, die Kritik des deutschen Philisters, der das Selbstgefühl des Menschen, die Freiheit entweder nie gekannt oder schon wieder verloren hat. Von ihm schreibt Marx in seinen Brief an Ruge1843 - und es ist als habe sich daran bis heute kaum etwas geändert:
"Die Philisterwelt ist die politische Tierwelt, und wenn wir ihre Existenz anerkennen müssen, so bleibt uns nichts übrig, als dem Status quo Recht zu geben. Barbarische Jahrhunderte haben ihn erzeugt und ausgebildet, und nun steht er da als ein konsequentes System, dessen Prinzip die entmenschte Welt ist. Die vollkommenste Philisterwelt, unser Deutschland, musste also natürlich weit hinter der französischen Revolution zurückfallen, die den Menschen wiederherstellte. (…) "Die Deutschen sind so besonnen Realisten, dass alle ihre Wünsche und ihre hochfliegenden Pläne nicht über das kahle Leben hinausreichen. Und diese Wirklichkeit, nichts weiter, akzeptieren die, welche sie beherrschen. Auch diese Leute sind Realisten, sie sind weit von allem Denken und von aller menschlichen Größe entfernt, aber (...) sie reichen so, wie sie sind, vollkommen aus dieses (politische) Tierreich zu benutzen und zu beherrschen; denn Herrschaft und Benutzung ist ein Begriff, hier wie überall." Wie sollte sich der Gedanke der Benutzung da einem ganz gewöhnlichen deutschen Philister in gehobener Position, einem Christopher Bertram etwa, oder dem außenpolitischen Sprecher der Linkspartei Norman Paech, in einer Realität, in der die Despotie des Kapitals kaum noch Grenzen kennt und die politische Tierwelt entmenschter Menschen als das Non-plus-Ultra erscheint, nicht prompt aufdrängen? Was sagt der Satz von Bertram, dass die iranische Atombombe "kein Desaster für Deutschland und Europa" wäre, denn anderes als "voyez ces  rapauts juifs", nur eben etwas verblümter, schönfärberischer, "Zeit" gemäßer.

Sätze wie "Israel führt unseren Kampf, wenn es diesen Leuten das Handwerk legt" und "wir Deutschen trauern um sie" sind Stereotype aus der politischen Tierwelt der antizionistischen und emanzipationsfeindlichen deutschen Volksgemeinschaft. Sie gehören in Deutschland zum Wortschatz jener entmenschten Politiker, die es sich mit den entmenschten Menschen der Philisterwelt nicht verderben wollen. Der Satz "Israel führt unseren Kampf " ist geradezu ein Paradebeispiel dafür, wie man so etwas macht, eine aus der Not des Philisters, der es sich mit niemandem verderben und doch kein Antizionist sein möchte, geborene Lüge oder Schönrederei. Denn wahr ist: Israel führt nicht "unseren Kampf", sofern mit "unser" die deutsche Volksgemeinschaft von Kapital und Arbeitskraft, von Rechtsdeutschen und Linksdeutschen gemeint ist. Genauer noch: Israel führt nicht nur nicht den Kampf dieser Volksgemeinschaft aus Rechts- und Linksdeutschen, sondern diese Volksgemeinschaft ist immer noch oder schon wieder eine zutiefst von antikapitalistischen Ressentiments geprägte, antisemitische bzw. antizionistische Volksgemeinschaft, die mehrheitlich auf Seiten der existenziellen Feinde Israels steht, wie alle neuerlichen sozialwissenschaftlichen Erhebungen belegen. Sie sucht das Bündnis mit dem vernichtungsantisemitischen Regime des Iran und seinen Vasallen. Die kapitalistische Despotie kennt nicht die geringste Scheu, sich im Bündnis mit diesen Regimen und Rackets an dem Krieg gegen Israel um des guten Geschäfts willen tatkräftig zu beteiligen, während die linksdeutsche Abteilung die abgeschmackte pseudokritische Rationalisierung für dieses mörderische Bündnis liefert. Zwar geschieht das nicht unmittelbar und offen, sondern wegen "unserer Geschichte" vermittelt, versteckt und hinter Rationalisierungen verborgen, aber es geschieht ohne Rücksicht und Bedenken im großen Stil."

Meiner Kritik vorangestellt habe ich die Ansprache von Schweig-Grevemann, dem Vorsitzenden der deutsch-israelischen Gesellschaft (Sektion Hannover) zum Andenken an die von der Hisbollah ermordeten israelischen Juden Ehud Goldwasser und Eldad Regev. Die Ansprache war für mich der Anlass, die deutsche Politik und ihr widerwärtiges Doppelspiel noch einmal und neu wieder in aller Schärfe zu kritisieren, weil die ansonsten achtenswerte Ansprache von Schweigmann-Greve dazu schweigt.

Heinz Gess



Link zum Artikel (PDF): "Die Welt des deutschen Philisters und die Ideale des Unmenschentums. Eine Phillipika gegen die deutsche "Nah-Ost-Politik" ". Klicken Sie bitte hier.
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