Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft
Gesellschaftliche Herrschaft und Antisemitismus in der kapitalistischen Weltgesellschaft - Perspektiven politischer Bildungsarbeit
- Kategorie: Antisemitismus
- 07. Juli 2006
- Heinz Gess
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Zur Kritik aller Formen der antisemitischen (deutschen und islamischen) Ideologie und Rebellion.
Projektskizze für eine Tagung im Juni 2007
Projektskizze für eine Tagung im Juni 2007
Zu dem Tagungsprojekt gehört als einem von fünf Themenbereichen die kritische Untersuchung des Antizionismus in der deutschen Frauenbewegung. Das diesbezüglche Thema lautet: "Antisemitische Mütter - 'emanzipierte' antizionistische Töchter" (s. S. 12 f. ) Zufälligerweise wurde zu der Zeit, als ich die Projektskizze entwickelte, vom Rektorat der FH Bielefeld, jener kalten Herberge, in der ich überwintere, mitgeteilt, dass hochschuleigene Forschungsmittel in diesem Jahr nur für die "frauen- und geschlechterspezifische Forschung" zur Verfügung stehen und Anträge auf Mittelzuweisung zu diesem Zweck sogar, was bisher noch niemals vorgekommen war, formlos gestellt werden dürfen.
Was lag bei diesem Angebot näher, als den "formlosen" Antrag auf Förderung des Projektes "Antisemitische Mütter - 'emanzipierte' antizionistische Töchter" aus den Mitteln der FH für die "frauen- und geschlechtsspezifische Forschung" zu stellen. Denn "frauenspezifisch" war das Thema ganz gewiss. Mehr noch, es war spezifisch auf die deutsche und europäische Frauenbewegung bezogen und es war Thema eines größeren Projektes, für das eine ausgearbeitete Skizze vorlag.
Es hat mich nicht wirklich überrascht, dass der Antrag auf Mittelzuweisung von der FH mit der formlosen und nichts sagenden Begründung abgelehnt wurde, das Forschungsprojekt sei nicht zielfördernd oder die Ziele seien nicht hinreichend klargestellt worden oder so ähnlich. Nicht einmal die seltsame Begründung hat mich überrascht. Sie gehört zu jenen Leerformeln, mit denen üblicherweise gute Projekte, mit denen man die inhaltliche Auseinandersetzung scheut, abgelehnt werden. Warum sollte das ausgerechnet an dieser deutschen hohen Schule anders sein? Falsch war die Begründung sowieso, denn ich hatte in meinem Antrag ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Projekt "Antisemitische Mütter - 'emanzipierte' antisemitische Töchter" Teil des größeren Projektes "Gesellschaftliche Herrschaft und Antisemitismus (Antizionismus) im Spätkapitalismus" ist. Aber die FH hatte es nicht einmal für nötig gehalten, sich über dieses größere Projekt zu informieren und die Projektskizze anzufordern. Offensichtlich gehen die Qualitätsforscher (innen) davon aus, dass man auch ohne solche Kenntnis derartige Ablehnungsbescheide auf "formlose" Anträge schreiben kann, was nur einmal mehr bestätigt, dass diese Bescheide den Charakter von Leerformel haben. Man sollte deshalb besser dazu übergehen, ohne Worte abzulehnen oder zuzustimmen: Daumen hoch, Daumen runter. Das spart Zeit.
Gewiss ist dieser Vorgang an deutschen (Fach-) Hochschulen wohl kein Einzelfall, sondern eher schon die Regel. Emanzipatorische Kritik ist hierzulande nicht erwünscht, auch und vielleicht erst recht nicht in der deutschen kulturrelativistischen Öko- Friedens -und Frauenbewegung. Erlaubt ist nur die "zweckdienliche", mit dem Strom schwimmende Kritik, die sich "konstruktive" nennt, und mit "zielfödernd" ist gemeint, dass sie den Zielen jener Seilschaften dient, deren einziges Ziel es ist, an die Geldtöpfe zu gelangen, um "zielgenau" fördern und bestrafen zu können. Die gehorsame, konstruktive Kritik, jene Kritik, die mit dem Strom der deutschen Frauenbewegung schwimmt, ist aber jene Kritik, die den politisch emanzipierten Frauen immerzu bescheinigt, sie würden vom Partriarchat, das es hierzulande nicht mehr gibt, unterdrückt und das, was sie da unterdrücke, das Patriarchat eben, habe seinen bleibenden Ursprung im naturfeindlichen Judentum und im abstrakten jüdischen Gott, von denen sich die Frau, um ganzer Mensch zu werden, erlösen muss. Würde jemand aber auf den Gedanken verfallen, diese "konstruktive Kritik" der Frauenbewegung zu kritisieren, wäre er beim Thema des Projektes "antisemitische Mütter - emanzipierte' antzionistische Frauen - und das ist ja bekanntlich nicht 'zielfödernd' und nicht unterstützenswert.
Der Antijudaismus und Antisemitismus ist mehr als nur ein gewöhnliches Vorurteil gegenüber dem Fremden und Anderen, das durch Aufklärung und Prüfung an der Erfahrung widerlegt werden könnte. Der Antisemitismus wohnt, wie Adorno es für die Ideologie, den realen Schein von Freiheit und Gleichheit in der spezifisch kapitalistischen Produktionsweise, generell behauptet, dem gesellschaftlichen Sein selbst inne und wird von ihm bewusstlos immer wieder neu genährt. Beides gilt es zu beachten, nämlich (1) dass der Antisemitismus/Antijudaismus so etwas ist wie eine "objektive Gedankenform" im Marxschen Sinne und (2) dass die antisemitischen Assoziationen, in deren Zentrum der Hass steht, weitgehend im Unbewussten ablaufen. Was an die Oberfläche kommt, sind zumeist nur vom Über-Ich und Ich durchgelassene Rationalisierungen des Hasses auf die Juden und der mit diesem Affekt gekoppelten Assoziationen. Das Unbewusste aber kennt nach Freud keinen Widerspruch. In ein und derselben Symptomhandlung kann sowohl das Verdrängte als auch das Verdrängende zugegen sein. Sie ist die bewusstlose Einheit eines unaufgelösten Widerspruchs. So ist es auch mit dem "Bild des Juden", das der Antisemit in die Anderen projiziert, die er mit seinem Hass verfolgt. Es ist die falsche Projektion des realen gesellschaftlichen Antagonismus, der objektiven gesellschaftlichen Unversöhntheit auf die Juden. Der Antagonismus von der gesellschaftlichen Herrschaft und der durch sie unterdrückten, an ihrer freien Entfaltung zum gesellschaftlichen Individuum gehinderten Natur, der Gegensatz zwischen der realen gesellschaftlichen Abstraktion (in der Wertabstraktion), "naturlosem Geist", und "geistloser Natur" wird falsch auf "den Juden" projiziert und personalisiert. Als wahnhafte Verkörperung des realen gesellschaftlichen Dualismus steht "der Jude" in der antisemitischen Tradition darum für beides: für den losgelösten, der Natur entfremdeten, boden- und bindungslosen, gleichmacherischen "Intellekt", der von allem Besonderen abstrahiert und ihm Gewalt antut, auf der einen Seite und der "blinden" formlosen, außer Rand und Band geratenen Triebnatur, die der ihr innewohnenden Bestimmungen, Formen, Naturzwecke verlustig gegangen ist und die ihm, "dem Juden" im Unterschied zu den "im Inneren anständigen Menschen", die nicht in sich derart zerrissen und gespalten sind, deshalb notgedrungen als "polymorph-pervers" erscheinen müsse. "Der Jude" erscheint mal als der abstrakte, kalte, entfremdete Intellektuelle, dem nichts "heilig" sei und der, weil er der Natur entfremdet ist, grundsätzlich nicht schöpferisch sei, sondern sich darin erschöpfe, Vorgegebenes zu kritisieren, zu zersetzen, aufzulösen, ohne Neues schaffen zu können; mal als Lustmolch der entfremdeten Sexualität, der es mit jeder treibe und vor gar nichts zurückschrecke, wenn es um die Befriedigung seiner chaotischen, blinden Lust gehe, als personifizierte reale Abstraktion von allem Stofflichen oder als blinder, losgelassener, formlos-chaotischer Trieb, als entfremdeter Übermensch oder entfremdeter außer Rand und Band geratener Untermensch. Meist aber ist er der unversöhnte Antagonismus in einer Person. Er ist in der antisemitischen Projektion der negative "Idealtypus" des vollständig Falschen, unter dem der " innerlich anständig" gebliebene, im Sein verwurzelte, "authentische Mensch" leidet, der anders als der gegen dem Sein entfremdete Jude in den inhaltleeren Abstraktionen des "Man" nicht heimisch werden kann. "Der Jude" ist für den Judenhasser der immerwährende Träger dieses vollständig Falschen. Durch ihn ist seinen Projektionen zufolge der antagonistische Dualismus, unter dem die Welt bis heute leidet, in die Welt gekommen, und wo immer die Menschen, die noch im Sein oder Ursprung wurzeln, ganzheitlich empfinden und in "organischen Ganzheiten" (lebendigen Systemen) denken, "ihn" wirken lassen, wird er diese lebendigen, autopoietischen Systeme durch Implementation des zerstörerischen Antagonismus zersetzen und zu seinem Vorteil ausbeuten. Indem der Mensch, der sich als authentischer und identischer inszeniert und als solcher auf den Markt wirft, gegen den Juden, auf den er projiziert, was in ihm ist und wodurch das falsche Ganze, mit dem er sich identifiziert, konstituiert wird, vorgeht und das Falsche im Juden bekämpft, setzt er sich selbst als der heile, authentische Gegensatz zum Juden. Der Kampf gegen "den Juden" gibt seinem Phantasma des unmittelbaren wahren Lebens mitten im Falschen, des von der Warenform unberührt Gebliebenen, "Rein-Menschlichen" inmitten einer Welt, in der die Warenform ausnahmslos alles und jeden ergriffen hat, den Schein von Realität, den der Antisemit braucht, um sich selbst betrügen und an die Anwesenheit des Heils mitten in der heillosen Welt glauben zu können. Deshalb kann der Antisemit/Antijudaist mit seinem Kampf nicht aufhören. Er braucht ihn wie der Süchtige den Stoff, um es in der Welt aushalten zu können. Denn der antisemitische Kampf ist seine Form, sich von der Existenz des Heils mitten im Unheil zu vergewissern. Er ist sein Protest gegen die herrschaftlichen Verhältnisse, in denen er sich nichtig fühlt, und zugleich die falsche Versöhnung mit ihnen. Er ist sein Opium und überhaupt das Opium der völkisch denkenden und empfindenden Lohnarbeiterschaft in der Krise der antagonistischen Produktionsweise. Er ist die Religion des Kapitals fürs Volk.
Zuletzt wurde dieses Wahnbild vom Juden als jenem unschöpferischen Gegentypus zum "eigentlichen', "schöpferische Menschen' von Martin Walser in seinem Roman "Tod eines Kritikers" neu wieder in Umlauf gebracht und an eben diesem Bild vom geld- und sexgeilen, mit der Warenform identischen jüdischen Intellektuellen, der nur kritisieren und mit der Kritik sein Geschäft machen kann, ohne selbst je schöpferisch tätig zu sein, wieder einmal neu demonstriert, wie der "eigentliche, echte, schöpferische deutsche Mensch" Martin Walser beschaffen ist.
Link zum Artikel (PDF): "Gesellschaftliche Herrschaft und Antisemitismus in der kapitalistischen Weltgesellschaft - Perspektiven politischer Bildungsarbeit ". Klicken Sie bitte hier.
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